Der panbabylonismus und die Bibel
m einundzwanzigsten Heft der Grenzboten hat Rudolf Stübe die Forderung begeisterter Assyriologen bekämpft, es solle die alt- orieutalische Geschichte iu deu höhern Unterricht aufgenommen werden. Wenn mit diesem Unterricht ein kurzer Abriß der Haupttatsachen und eine Schilderung der Kulturzuständc gemeint ist, gehört er allerdings in den Schulplan, und ich war der Meinung, das würde den Schülern heute schon geboten; auf der höhern Bürgerschule, die ich bis zu meinem dreizehnten Jahre besuchte, wurden uns, lange vor der vollständigen Entzifferung der Keilschrift, alle die hübschen altorientalischen Geschichten erzählt, die Herodot und andre Griechen berichten. Aber an eine so ausführliche Behandlung, wie sie der griechisch-römischen Geschichte zuteil wird, ist schon wegen der Unsicherheit der heutigen Ergebnisse der Assyriologie vorläufig uicht zu deuken. Diese Unsicherheit entspringt aus der Schwierigkeit der Entzifferung der verschiednen Schriftarten und Sprachen, von der die darüber handelnden Abschnitte des unten genannten Buches einen Begriff geben/') Es gibt eine Bilderschrift (von der etwa 12000 Zeichen bekannt sind), eine Silben- und eine Lautschrift, verschiedne Entwicklungsstufen dieser Schriftarten, die Schreibweise von oben nach unten und von rechts nach links und die wage- rcchte von links nach rechts. (Von dem phantasievollen Gobineau erzählt man, er habe eine Inschrift von oben nach unten, von unten nach oben, von rechts nach links, von links nach rechts und in der Diagonale gelesen und immer denselben Sinn herausbekommen.) Und es gibt Inschriften in sumero-akkadischer, in babylonisch-assyrischer und in persischer Sprache. Es handelt sich also keines^ Wegs bloß, wie bei den Unsicherheiten in der griechisch-römischen Geschichte, um widersprechende Angaben und um Lücken der Berichterstattung, sondern um Zweifel an der richtigen Entzifferung und Deutung; und dazu kommt uoch der Umstand, daß die Entzifferungs- und Deutungsknnst auf einen verhältnismüßig kleinen Kreis von Männern beschränkt ist, deren Werke also nicht gleich denen über griechisch-römische Geschichte unter der Kontrolle der ganze» Gelehrtenwelt, ja des ganzen gebildeten Publikums stehen. Es kann sich also leicht ereignen, daß die Deutungen von vorgefaßten Lieblingsmcinungen uud von Wünschen beeinflußt werden, wenn solche jenen kleinen Kreis beherrschen.
*) Babnlonien und Assyrien nach ihrer alten Geschichte und Kultur dargestellt von E. v. Starck. Marburg a. L,, Adolf Ebel, 1907.