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Zur Entwicklung der deutschen Kunstballade
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Zur Entwicklung der deutschen Kunstballade

von Wolfgang lvustmann

an kann kaum über die Ballade sprechen oder schreiben, ohne versucht oder sogar gezwungen zu sein, diese Dichtungsgattung zu definieren. Da es aber schwierig und auch praktisch be­deutungslos ist, den Begriff der Ballade vom epischen Gedicht überhaupt scharf abzugrenzen, so will ich einen einfachern Weg wählen und nur von solchen Gedichten sprechen, die ihre Schöpfer selbst für Balladen erklärt und die auch zu ihren Zeiten zweifellos als solche gegolten haben. Der große Dichter wird im Zweifelsfalle selbst dem großen Kritiker gegenüber im Rechte sein, wenn er sein Gedicht als Ballade bezeichnet, und der Kritiker ihm beweisen will, daß es keine Ballade sei. Andrerseits ist die Ballade zu allen Zeiten etwas andres, sie ist der Entwicklung unterworfen gewesen wie jede Kunstform und kann nicht in ein dem Geschmack einer Zeit­welle entsprechendes Begriffsgewand gezwängt werden.

Die deutsche Ballade als Kunstform beginnt ihren Siegeszug erst mit Bürger, der auch heute noch vielfach als Urbild des Balladendichters gilt. Man hat nämlich oft als den integrierenden Bestandteil der Ballade die Handlung hingestellt. Und hierfür dient allerdings Bürger sogleich als Haupt­bestätigung. In seinen Balladen ist allerwärts Handlung, und die Handlung lst alles. Kann es lebhaftere, bewegtere Handlung geben als in seiner Lenore, die schon mit dem heftigen Auffahren eines von Sehnsucht und Hoffnung er­regten Menschenkindes aus quälendem Halbschlummer anhebt, wo der neue Tag, wobei wir vielleicht schon dasPaukenschlag und Kling und Klang" aus der zweiten Strophe ergänzend hinzunehmen dürfen, mit neuem Hoffnungs­strahl durchs Herz zuckt. Und nun rollt sich mit der Hast von Kinemato­graphenbildern die ganze Handlung ab, der Einzug, das ängstliche Fragen, die Verzweiflung, das aufgeregte Wechselgespräch mit der Mutter, die unheimliche Ankunft des Geliebten und endlich der Seele und Sinne erregende Todesritt.

Die Bürgersche Handlung ist aber zugleich anschaulich. Man denke an die Strophe im Lied vom braven Mann:

Rasch galoppiert ein Graf heran,

Auf hohem Roß, ein edler Graf.

Was hielt des Grafen Hand empor?

Ein Beutel war es voll und straff.

Zweihundert Pistolen sind zugesagt

Dem, welcher die Rettung der Armen wagt."