(Nn Briefwechsel von Lothar Bucher im Ruhestand
Mitgeteilt von Heinrich v. Poschinger
lothar Bucher, auch „die rechte Haud Vismarcks" genannt, gehörte zu jenen Naturen, denen nahezutreten nichts weniger als leicht war. Durch seinen hochinteressanten Beruf völlig absorbiert und durch mancherlei üble Erfahrungen gewitzigt, zog !er sich, besonders in seinen spätern Jahren, von den Menschen fast ängstlich zurück, und es war nur ein kleiner Kreis Auserlesner, in dem er sich heimisch fühlte. Dazu gehörte vor allem sein langjähriger Kollege, der spätere Gesandte Heinrich von Kusserow, dessen Lebensgang — allerdings leider nur bis zu dem Zeitpunkte, wo er für eine kräftigere überseeische Politik zu wirken begann (1875) — im fünften Bande meines Bismarck-Portefeuilles Seite 96 bis 161 eingehend geschildert ist.
Die Bekanntschaft Buchers mit Kusserow reicht bis in die Zeit zurück, wo dieser, nach längerm Verweilen im auswärtigen politischen Dienst, in Berlin dauernden Aufenthalt nahm und zuerst unter Delbrück im Reichskanzleramte, danach (1874) im Auswärtigen Amte beschäftigt wurde. Von dieser Zeit umschlang beide Männer ein inniges Band, das durch eine fast tägliche Berührung in der Wilhelmstraße gefördert wurde und sich noch wärmer gestaltete, seitdem Bucher auch mit der ersten Gemahlin Kusserows, einer gebornen Springer und Adoptivtochter von Abraham Oppenheim in Köln, einer hochbegabten, liebenswürdigen und ein glänzendes Haus in Berlin führenden Dame innig befreundet worden war.
Erst in der Mitte des Jahres 1885 gingen die Wege der Freunde auseinander, da Kusserow die Stelle des preußischen Gesandten und bevollmächtigten Ministers bei den großherzoglich mecklenburgischen Höfen und den Hansestädten mit der Residenz in Hamburg erhielt, und der alte „Achtundvierziger" den Dienst im Auswärtigen Amte satt bekam und in den Ruhestand ging. An die Stelle der seltner werdenden persönlichen Berührung trat nunmehr eine schriftliche Aussprache, die sich in fünf Briefen Buchers an Kusserow, fünfzehn an seine erste und einem Brief an seine zweite Gemahlin, der leider viel zu früh dahingegangnen Witwe des früher in Hamburg wohnenden Kaufmanns Adolf Barting, einer ebenfalls hochbegabten Dame, verdichtete.