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Die kleine graue Katze :
(Fortsetzung)
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T>ie kleine graue Katze

von Ingeborg Maria Sick (Fortsetzung)

Ekencis, 25. September

Liebe Wanda!

o, mein Brief hat dich wütend gemacht? Und ich sei blind wie ein Maulwurf mir selbst gegenüber. Und in der Liebe sei ich von jeher ein echtes Weib gewesen und werde das immer bleiben, schlecht und recht, und sonst nichts im Himmel und auf Erden. Ja, das heißt, du hast entschieden, daß es so sei. Du schreibst, ich dürfe um alles in der Welt nicht hingehn und mich der Gruppe der Frauenrechtlerinnen anschließen. Jawohl, ich verstehe dich, aber wenn du die Vorkämpferinnen des Stimmrechts darunter meinst, dann wisse, daß ich mit diesen vollständig übereinstimme.

Im übrigen bin ich zuerst und zuletzt nur ich selbst nämlich meine eigne Gruppe und brauche mich nicht einer andern anzuschließen. In einem kannst du allerdings recht haben. Die Emanzipation der Frau brachte sie zuerst von dem verabscheuungswürdigen Los, heiraten zu müssen, nur um versorgt zu sein, zum freien ehrenhaften Selbsterwerb, und in unsern Tagen ist sie dann auf eine viel Persönlichere und menschenwürdigere Weise zur Liebe, die ihr Lebenselemeut ist, zurückgeführt worden. Nur vergißt du, daß es immer Ausnahmen von der Regel gibt.

Was mich selbst betrifft, so fehlt mir in deiner Lebensauffassung der Ernst. Was du anbefiehlst, ist eben doch nur wieder das altedasitzen und auf einen Freier warten", nur tust du es mit etwas neu übermalten Worten.

Gewiß haben wir alle eine Zeit gehabt, wo wir meinten, das Leben bestehe nur aus dem, was geschehen solle. Weißt du noch, wie wir als dreizehn-, vierzehn­jährige Mädchen durch die langen Alleen jagten, immer mit Herzklopfen, immer mit einem Gefühl unerklärlicher Spannung, weil unsre ganze kleine Person bis zum Zerspringen voll war von der Erwartung kommender Ereignisse. Das heißt von dem, der kommen sollte auf dem Brautroß und uns vor sich auf den Sattel heben und mit uns davon reiten weit, weit fort ins Blaue hinein ...

Ich weiß wohl, daß es eine Zeit gab, wo mir jede andre Form des Lebens undenkbar erschien, ja schlimmer als der Tod. Aber:

Damals wars so doch lang ist es her,

Und Jahre vergingen seit jener Zeit,

Sie kommen, sie gehen und sind dann nicht mehr

Damals wars so wie liegt das so weit!

Jetzt aber, liebe Wanda, jetzt sage ich dir, das Leben besteht nicht aus dem, was geschieht. Wenn ich deine Verlobung ausnehme, geschieht ja so jämmer­lich wenig, und die meisten Menschen wären also verdammt, ohne Leben umher­zuwandern.