Der Antiquar
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eines Orchesters empor. Über seinem blanken Kielwasser schweben die schönen Bassangänse und fangen in der Luft auf, was ihnen goldlockige Kinder mit bloßen Knien vom Achterdeck aus zuwerfen. Es ist ein Paketboot, das mit englischen Offizieren und Beamten nach Indien fährt; wie eine festliche Luftspiegelung schreitet es an uns vorüber und ist in einer halben Stunde verschwunden.
Der Antiquar
von Julius R. Haarhaus (Fortsetzung)
on diesem Tage an gehörte der Doktor Waetzold zu den treusten Kunden des Antiquars. Keine Woche verging, wo er nicht zum mindesten zweimal in Reichenbachs Hof erschien und einen Hauch des Lebens in die düstre Büchergruft brachte, in der ein warmblütiges blühendes Wesen die Tage seiner Jugend vertrauerte. Onkel und Nichte hatten sich an seine Besuche so gewöhnt, daß sie die Stunde seines Erscheinens mit Ungeduld erwarteten. Und wenn dann endlich sein fester Schritt unter dem Durchgang ertönte, wenn sich die Ladentür cmftnt, und die Klingel ungestüm zu bimmeln begann, dann klopfte Käthchens Herz, dann leuchteten ihre Augen, und ihre Wangen röteten sich, als sei sie den ganzen Tag draußen in Luft und Sonnenschein gewesen und habe den Lenz mit ihrem dunkeln Kraushaar spielen lassen. Und obwohl der Doktor nnr der Bücher wegen kam — ganz gewiß, nur der Bücher wegen! —, vergaß er doch nie, einen Blumenstrauß mitzubringen, den er am Abend vorher draußen in Wald und Flur gepflückt hatte, und den er Käthchen als einen Gruß des Frühlings überreichte. Zuerst waren es Schneeglöckchen, dann Veilchen, dann Schlüsselblumen und so fort, die ganze Stufenfolge der Vegetation, ein wahrer Blütenkalender, der die beglückte Empfängerin unvermerkt in den Sommer hinüberleitete. Wenn sie nun einmal von ihrem Zettelkataloge aufsah, lachte ihr ein Stückchen Sonne, Luft und Freiheit entgegen, und ihre erste Sorge an jedem Morgen war, die lieben Blumen mit frischem Wasser zu versehen und sie in der etwas seltsamen, aber dafür historisch desto bedeutsamern Vase — es war die Kaffeekanne, deren sich Napoleon bei seinem Frühstück in Stötteritz am Morgen des 18. Oktober 1813 bedient hatte — neu zu ordnen.
Nicht ganz so rein und ungetrübt war die Freude, mit der Herr Seyler den Besuchen seines jungen Kunden entgegensah. Daß Doktor Waetzold einen ungewöhnlich feinen literarischen Geschmack an den Tag legte, daß er nie nach „Schund" fragte, und daß er sein Augenmerk auf Bücher richtete, die, wenn sie auch für weitere Kreise der Fachgelehrten unter dem Wüste neuerer Erscheinungen begraben lagen, für das kleine Fähnlein erlesner Kenner von unvergänglichem Werte waren, das sicherte ihm die Sympathien und die ehrliche Anerkennung des gelehrten Antiquars. Aber, aber — daß er diese Bücher auch erwerben, ihrem treuen Hüter entfremden wollte, daß er im Laufe weniger Wochen, ohne mit einer Miene zu zucken, hintereinander nach Bernhardys Grundriß der römischen Literaturgeschichte,