Die christlichen Gewerkschaften in den Iahren M6 und M7
von Willy Brachvogel in Berlin
lie christlichen Gewerkschaften, die unter den verschiedncn gewerkschaftlichen Strömungen der deutschen Arbeiterbewegung ihrer Entstehung nach die jüngste, ihrer Bedeutung nach die zweitstärkste ist, entstanden im Jahre 1894. Als erster trat der Gewerkverein I christlicher Bergarbeiter für den Oberbergamtsbezirk Dortmund ins Leben. Es dürfte nicht unbekannt sein, daß gerade im Bergmannsstande die Organisation schon Jahrhunderte alt war. Die Knappschaftsvereine, aus mittelalterlichen Gilden entstanden, hatten sich bis in die neueste Zeit hinein gerettet und sind heute die Träger der gesetzlichen Arbeiterversicherungen für die Bergleute geworden. Auch Vereine gewerkschaftlicher Natur, also Vereinigungen zur Besserung der Arbeits- und Lohnverhältnisse, waren unter den Ruhrbergleuten nichts neues, als der Gewerkvcrcin christlicher Bergarbeiter entstand.
Die Tendenzen des Gewerkvereins sind mannigfacher Art. Er ist gewissermaßen eine dauernde Vereinigung von Lohnarbeitern desselben Gewerbes zur Regelung der Arbeits- und Lohnverhültnisse. Demnach befaßt er sich mit der Regelung der Arbeitszeit, der Löhne, des Arbeitsangebots, des Arbeitsvertrags, der Kündigungsfristen, der Lohnauszahlung, der Einsetzung von Schiedsgerichten oder Vertrauenskvmmissionen und mit allem, was mit diesen Aufgaben in engem Zusammenhang steht. Alle diese Bestrebungen sucht er endgiltig durch Abschluß des kollektiven Arbeitsvertrages zu verwirklichen, bei dem sich die organisierten Arbeiter einerseits und die organisierten Unternehmer andrerseits zur Einhaltung von bestimmten Arbeitsbedingungen (Tarifvertrag) verpflichten.
Im Jahre 1906 nun haben die christlichen Gewerkschaften einen nicht zu verkennenden Aufschwung genommen, sie weisen nämlich eine Mitgliederzunahme von 35,7 Prozent auf; dasselbe trifft auch bei den weiblichen Mitgliedern zu,
Grenzboten III 1907 43