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Kamarilla?
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Kamarilla?

n frühern Zeiten war das Denken die Bedingung des Schreibens. Man dachte zuerst, und dann schrieb man, und man dachte mehr, als man schrieb. Spater, als sich mauches Technische und auch manches Geistige änderte, wurde das Schreiben ein Ersatz des Denkens. Man schrieb mehr, als man dachte, oder man schrieb zuerst und dachte hinterher uichts. An Stelle der Gedanken traten nun oftmals die Schlagwortc bequeme leicht greifbare Handhaben, dle der Mühe des Denkens entheben und den scheinbar charakteristischen Klang an Stelle der präzisen Bedeutung zu geben pflegen. Das Wort ist I« das große Allheilmittel, der beste Lückenbüßer; wer das Wort hat, kaun Nch fest daran halten, wer den Namen seiner Krankheit kennt, fühlt sich ge­heilt. Aber die Worte, denen die Wirklichkeit keinen festen Sinn gibt, ver­brauchen schnell ihre Kraft nnd daher kommt dann dieser hastige Wechsel großer Worte, die plötzlich aus einem Volk, einer Gruppe Menschen, einer öffentlichen Meinung aufsteigen, eine Zeitlang herrschen und vergessen werden Müssen, ehe sie wieder komineu können. Es ist noch nicht lange her, daß über tausend Artikeln die Überschrift stand:Das persönliche Regiment", uud uuii ist auf einmalKamarilla" der große Trost der Unglücklichen geworden, d'e schreiben müssen. Nach einem Zusammenhange zu fragen, wäre Verlorne Mühe, denn die verschwommne Vorstellung ist nicht wie der Verstand an die ^ogik gebunden und macht das Unmögliche möglich, nämlich zwei kontra- dlktorischc Bestimmungen an demselben Objekte.

Kein Wort ist in den letzten Wochen so oft gebraucht und so wenig präzisiert worden wie das WortKamarilla". So wie es gebraucht wurde, deckt dieses eine Wort sehr verschiedne Dinge. Man hat es gegen den Hof des Kaisers gerichtet, ohne wesentlich verschiedne Bedeutungen zu trennen, ohne darauf zu achten, daß die Vorstellung des Lesenden mit der des Schreibenden zusammenfalle, ohne auch nur zu unterscheiden zwischen der Existenz einer sogenannten Kamarilla uud dem Versuche, eine zu bilden, zwischen Macht oder Machtlosigkeit; trotz der von mancher Seite erfolgten nachdenklichen Einschränkungen und Verwahrungen wird der, der diese Erörterungen verfolgt

Grenzboten II 1307 76