Sankt Hvons Gericht
Eine Liebes- und Heiligengeschichte aus der Bretagne von Clara Hohrath
(Schluß)
l achdem der erste heftige Fieberanfall gebrochen war, stand Yvonne noch einmal von ihrem Bette auf. Doch sie war kaum wieder zu erkennen, so sehr hatte die kurze Krankheitszeit sie schon mitgenommen. Eine bleiche, magere Frau war sie geworden, die sich mühsam auf die alte Steinbank vor dem Hause schleppte, wenn die Sonne voll und warm darauf herabschien. Keiner ging an ihr vorüber, ohne bei ihrem Anblick zu denken: Sie ist gezeichnet, lange wird sie es nicht mehr machen. Was sie selbst dachte, verriet sie nicht. Ihre müden Hände quälten sich nnablässig mit Flicken und Stricken ab, denn sie mochte ihrer Verwandtschaft nicht zur Last fallen. Ein stiller Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, eine Resignation, die fast einer ernsthaften Fröhlichkeit gleichkam. Sie wandte das Gesicht häufig seewärts, wo die Fischerboote Icht auftauchten, jetzt wieder verschwanden im rosigen Nebel der Ferne. Eines Abends blieb sie länger als sonst auf ihrer Bank. Da kamen auf der tiefergelegnen Hafenstraße die heimkehrenden Fischer lachend und singend vorübergezogen. Und unter ihnen erkannte sie Alan. Trotz der Entfernung gewahrte sie deutlich, daß sein aussehen wieder sauber und schmuck geworden war, und daß sich in seiner Haltung das alte fröhliche Selbstbewußtsein aussprach. Aber auch er sah sie da oben auf ihrer Bank sitzen, und seine schwarzen Augen glänzten auf. Ein stummes Dankgebet IMdte er gen Himmel.
Was für ein kluger und geschickter Herr war doch dieser St. Avon! Er hatte sein Ansehen glänzend wiederhergestellt, nnd nun, wo er die verwirrten Sachen in Richtigkeit gebracht hatte, zog er die strafende Hand von Yvonne zurück, ^hr Tod war ja nun überflüssig geworden, jetzt durfte sie wieder genesen! Und b" saß sie richtig schon draußen in der frischen Luft vor ihrem Hause! Guten Tag, Yvonne! rief er herüber, laut und fröhlich. Am nächsten Abend harrte sie wieder auf ihrer Bank aus bis zur Heimkehr- stuude der Fischerbarken. Alan blieb diesmal hinter den andern zurück. Dann kam ^' die Treppen herauf, die von der Hafenstraße auf ihr Haus zuführten. Als er ""he herangekommen war, erschrak er sichtlich über ihr Aussehen. Er brachte sein ^uten Tag, Yvonne! nicht heraus. Die Seemannsmütze zwischen den gebräunten Händen drehend, stand er vor ihr und suchte vergeblich nach Worten. Die Lippen Zitterten ihm.
Guten Abend, Alanik! sagte Yvonne nun mit ihrer neuen leisen, ein wenig heisern Stimme.
Da sah er sie mit reumütigen, schen bettelnden Augen an. Du bist mir nun wohl bitterböse, Yvonne?
Sie schüttelte den Kopf. Dann sagte sie, und es klang so, als habe sie sich diese Rede eingeübt wie einen Spruch: Ich hatte die Tür zugeschlagen zwischen Grenzboten II 1907 55