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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel. (Der Militäretat im Reichstage. Justizreform. Der Fall Puttkamer und die Kolonialskandale. Zur liberalen Schulpolitik in Preußen.)
Wenn verschiedne Anzeichen nicht trügen, scheint die Nervosität, die sich eines Teils unsrer öffentlichen Meinung bei den Erörterungen über die Reisen und Besuche König Eduards bemächtigt hatte, allmählich zn weichen und dem wachsamen, aber äußerlich ruhigen Selbstbewußtsein Platz zu machen, das allein eines gesunden und tüchtigen Volks von sechzig Millionen würdig ist und zugleich auch den Tatsachen entspricht. Und dabei müssen wir zu unsrer Frende feststellen, daß die letzten Neichstagsvcrhandlungen über den Militäretat zu dieser erfreulichen Wandlung ihr Teil beigetragen haben. Oder ist es umgekehrt? Ist der befriedigende Verlauf dieser Beratung die Folge der inzwischen zurückgekehrten richtigen Empfindung, daß wir in unsrer Haltung dem Auslande gegenüber etwas gut zu machen hatten? Vielleicht ist beides richtig, und es hat eine Wechselwirkung stattgefunden. Wie es sich aber auch damit Verhalten mag, die Hauptsache bleibt der Eindruck, den die würdige Haltung der deutschen Volksvertretung gerade in diesen Tagen nach außen hin machen mußte, als die uus unfreundlich gesinnte ausländische Presse sich eben anschickte, unsre „Nervosität" zu verspotten und sie als Zeichen einer innern Unsicherheit zu deuten.
Viel hat freilich zu dem soeben gekennzeichneten Verlauf der Debatten die Persönlichkeit des Kriegsministers von Einem beigetragen, der durch die ruhige, feste und vornehme Art seines Auftretens und seiner Ausführungen alle bürgerlichen Parteien zu einem Ausdruck ihres Vertrauens nötigte und die Kritik in verständigen Grenzen hielt. Von sozialdemokratischer Seite wurde er zwar angegriffen nnd des „Säbelrasselns" beschuldigt, aber diese vom Parteikatechismus geforderten Augriffe entbehrten diesmal gänzlich der Wucht und Leidenschaft, womit sie früher geführt wurden. Sogar der grimme Bebel hielt es für angebracht, zu bezeugen, daß der Kriegsminister sich alle Mühe gebe, die Soldntenmißhandlungen zu beseitigen, und daß sie in der Tat jetzt als Ausnahmeerscheinungen anzusehen seien. Das wurde auch von den ausländischen Beurteilern sehr bemerkt, und der Pariser Isinx« nahm daraus sogar Veranlassung, Bebel, „oet sxLsIIsnt ^IlsmÄQtl", dem französischen Sozialistenführer Gustav Herv6 als Muster von Patriotismus in mili- ts-ridus vorzuhalten. Wir wissen ja nun freilich, daß der Wein dieser sozialdemokratischen Begeisterung für unsre Wehrmacht viel Wasser enthält, vielleicht bei vielen auch nichts andres ist als gefärbtes Wasser. Aber wenn einer dergleichen vortäuscht, so muß er einen Zweck damit verfolgen, und wenn der Mann, der bisher niemals dnrch vaterländische Rücksichten bewogen werden konnte, seine Todfeindschaft gegen die bürgerliche Gesellschaft auch nur einen Augenblick zurückzustellen, der sich nicht schämte, vor einer ausländischen Zuhörerschaft die Hoffnung auszusprechen, daß Deutschland durch ein ihm bereitetes Sedan zur Republik gelangen werde, der die mordbrennerischen Herero verherrlichte, um unsre braven, unter unsäglichen Mühsalen kämpfenden Südwestafrikakrieger zu beschimpfen — wenn sich dieser Mann plötzlich ein Maßhalten auferlegt, das er früher nie gekannt hat, so muß ihm doch recht stark zum Bewußtsein gekommen sein, daß das entgegengesetzte Verhalten ihm in den Augen der eignen Parteigenossen mehr Schaden als Vorteil bringen werde. Und in Wahrheit wird augenscheinlich die wüste und sinnlose Hetze gegen die einfachsten uud klarsten vaterländischen Interessen allmählich auch dem deutschen sozialdemokratischen Arbeiter zum Überdruß. Denn soviel Urteilskraft haben sich auch diese beständig zum Klassenhaß aufgepeitschten Gemüter immer noch bewahrt, daß