Beitrag 
Für die Reichshaupstadt. 1
Seite
225
Einzelbild herunterladen
 

Für die Rcichshauptstadt

225

behaglich in der vvrnehmenAbgeschlossenheit wohlgelüfteter Räume, in gepolstertem Sessel auf Teppich und Parkett; er fühlt sich nur wohl in der rauchgeschwängerten Atmosphäre seines Stammtisches, wie sie ehedem war und nnch in den modernen Bierpalästen uicht viel besser geworden ist. So kommt es, daß das sogenannte Berliner Nachtleben, das im Gründe vielleicht nicht viel anders ist als zum Beispiel das Londoner, infolge unsrer besondern Gewohnheiten in der Öffent­lichkeit weit auffälliger in die Erscheinung tritt als irgendwo sonst. Warum es deshalb aber als unmoralischer verschrien werden dürfte, ist nicht einzusehen.

Freilich, die harmlose Geselligkeit der anstündigen Restaurants wollen die Ankläger nicht gemeint haben. Der eigentliche Gegenstand ihrer Kritik sind die zahlreichenLokale" zweifelhafter Natur. Diese sind gewiß keine erfreu­liche Erscheinung. Aber eine Spezialität Berlins sind sie nicht, weder der Qualität noch auch nur der Quantität nach. Man ereifert sich über die Tingeltangel". Verhältnismäßig sind ihrer aber schwerlich mehr als vor einem Mcnschenalter, und die Lakvs olmutAnts von Montmartre werden ihnen, was die Leistungen anlangt, wohl auch heute nochüber" sein. Daß die Polizei wohl daran tüte, solcheDarbietungen" ganz zu untersagen, wird kein Verständiger behaupten wollen; denn der Hang zu witziger Verspottung der menschlichen Dinge steckt so tief in unsrer Natur, daß seine Ausrottung schwerlich gelingen würde. Die staatlichen Gewalten haben nur darüber zu wachen, daß der Sittlichkeit kein ernster Schaden zugefügt wird. Es ist nicht erwiesen, daß sie in Berlin dieser Pflicht bisher nicht nachgekommen wären.

Eine Neuerung im Nachtleben Berlins sind die Kabaretts. Das ästhetische Urteil über dieseKnnstform", die der Erfinder desÜberbrettls" in die Welt gesetzt hat, ist längst gesprochen; sie ist eine Verirrung. Vom moralischen Standpunkte betrachtet aber sind die Kabaretts sicherlich nicht schlimmer als die Theater mit anzüglichen Stücken oder die Tingeltangel. Wen es also gelüstet, sich gegen Erlegung eines nicht gerade geringen Eintrittsgeldes mit oft recht geistlosen Produktionen langweilen zu lassen, den braucht man nicht daran zu hindern. Warum es aber nötig ist, daß diese Aufführungen gerade zwischen elf und vier Uhr nachts stattfinden, ist schwer einzusehen. Vielleicht hat man dies nur gestattet, weil sich schon vorher gezeigt hatte, daß die Be­dingung der polizeilichen Erlaubnis unter der Form der privaten Einladung leicht zu umgehen war. Vielleicht aber hat man sich auch darauf verlassen, daß sich die alberne Mode rasch überleben werde. Es mag ja anspruchslosen Ge­mütern auf den ersten Blick sehr originell erscheinen, ein Mittel geboten zn erhalten, mit dem sie in der Nacht, da niemand wirken kann, auf so angenehme Weise die Zeit totschlagen können. Bald genug aber werden sie innewerden, daß ein gesunder Schlaf doch mehr wert ist als alle Überbrettelei. Und so darf man wohl hoffen, daß die Kabaretts von der Bildflüche verschwunden sein werden, ehe noch ein polizeiliches Einschreiten gegen diesen Mißbrauch der Nacht zur zwingenden Notwendigkeit wird.

Grenzbolen II 1907 ZN