Beitrag 
Lustreise. 6. Im Winter von Bitterfeld über St. Afra nach Dresden
Seite
147
Einzelbild herunterladen
 

Die Haselnuß

147

Landstraße in den metertiefen Schnee wie in ein weiches Federbett. Die auf­gerissene Hülle breitet sich auf der weißen Fläche aus, ihr oberer Teil über eine hohe Plankeneinfriedigung, deren Berührung wir also glücklich vermieden haben.

Drei Uhr zwanzig Minuten waren wir, drei Kilometer vom Nordwestende Dresdens, dem Wilden Mann, nach reichlich acht Stundensehr glatt" gelandet, nur 140 Kilometer Luftlinie von Bitterfeld entfernt.

Schon eine halbe Stunde später waren Hülle und Korb kunstgerecht ver­packt und samt uns selbst auf einem Schlitten verladen. Besser hätten wirs aber auch nicht treffen können: vor anderthalb Jahren im Sommer war fast an der gleichen Stelle ein Ballon niedergegangen, und dieselben freundlichen Landleute, die damals Hilfe geleistet hatten, waren auch heute an dem schönen Wintersonntagnachmittag schnell und willig zur Hand. Nach einer köstlichen Schlittenfahrt von zwanzig Minuten durch schneeglitzernden Wald und staunende Großstadtspaziergänger war die innere Stadt erreicht, und unser Ballondoktor konnte noch an demselben Abend seine Krankenbesuche wieder aufnehmen.

Die Haselnuß

Lin Leipziger Märchen von Julius R. Haarlzaus

er 19. Oktober des Jahres 1813 ging zu Ende. In den Straßen Leipzigs, wo sich noch vor wenigen Stunden die Truppen des ge­schlagnen Kaisers in wirrer Flucht vor den von Norden und von Osten heranstürmenden Alliierten gedrängt hatten, bewegten sich jetzt in buntem Durcheinander Russen und Preußen, Österreicher und Schweden, Sachsen und Polen, wahrend die geängstigten Einwohner in der Tür ihrer Häuser erschienen und staunenden Auges das seltsame Völker­gemisch betrachteten, das sich ihre Stadt zum Schauplatz des gewaltigsten kriegerischen Dramas der Weltgeschichte auserwählt hatte. Auf dem vom Regen der letzten Tage und Nächte noch feuchten Pflaster lagen zwischen umgestürzten Bagagewagen, weg- geworfnen Uniformstücken und Waffen Tote nnd Sterbende; hier wimmerten, von einer Blutlache umgeben, Verwundete, dort saßen, eng aneinander gedrückt, kriegs­gefangne Franzosen, starrten in stummer Verzweiflung vor sich hin oder rauchten resigniert ihre schmutzigen Stummelpfeifen. Mitten durch das Gewühl suchten sich Patrouillen und Ordonnanzen ihren Weg, Adjutanten sprengten vorbei, Feldschere und Lazarettgehilfcn bemühten sich um die Elendesten der Elenden, bis unter klingendem Spiel wieder neue Abteilungen der siegreichen Truppen einrückten und die durcheinander wogenden Menschenmassen an die Häuser und in die Höfe zurück­drängten.

In stiller Verzweiflung legten sich die Bürger der Stadt die Frage vor, woher sie die Nahrungsmittel nehmen sollten, die die Tausende und Abertausende, ermüdet und ausgehungert von den Strapazen langer Eilmärsche und einer mehr­tägigen Schlacht, gebieterisch forderten. Aber dennoch fühlten sich alle von einer