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Der kleine Napoleon
Novelle von Marthe Renate Fischer
> s gefiel der Tante nicht mehr. Sie wollte eine Veränderung haben und sehnte sich nach einer reichern Atmosphäre, einer geistig größeru. Sie war ja nun auch zwölf Jahre hier bei Gundermanns; das war reichlich lange für eine, die zahlte, was sie verzehrte.
Sie saß in ihrer großen, hellen, hübschen Stube mit der fein- ! blumigen Tapete, der ehemals Guudermannschen Putzstube. Um fortzukommen, hatte sie seit einiger Zeit angefangen, Ausstellungen zu machen. Aber sie hielten sie und ließen sie nicht ziehen. Es wurden ihr Extrabissen bereitet. Als sie ihre Stube bemängelt hatte, war ihr die Putzstube eingeräumt worden. Und alles taten sie mit strahlender Liebe. Denn der Gedanke kam ihnen nicht, daß die Tante fort verlangen könne. Das war fürchterlich!
Die Tante legte die weißen, magern Häude, die Damenhände mit den Erbringen, vor ihr kleines, feines Altfränleingesicht und weinte bitterlich.
Dann hob sie die Augen und sah in der Stube umher. Lieb und gemütlich sah es hier aus, nach einer eignen Persönlichkeit, einer vornehm empfindenden.
Ein langes altmodisches Sofa mit großen, bequemen Rohrlehnstühlen stand auf dem Teppich an der Breitseite der Wand. An den beiden schmälern Wandflächen hatten die beiden Schränke Platz gefunden aus blitzenden weißen, dicken Glastafeln, die durch schöne braundunkle, blaukpolierte Holzleisten verbunden waren. Der eine dieser stolzschönen Schränke enthielt die Bibliothek der Tante, in dem andern war eine Sammlung einzig feiner, bunter, alter Tassen und Gläser zierlich aufgestellt.
Vor den Tassen und Gläsern standen ein paar Nippes, fingerhohe, derbe, blanke Püppchen von Porzellan in kräftigen Farben — ein Postillon im kornblumenblauen Frack, eine reizend hübsche, schönfarbige Ritterfrau in der Schellentracht, und dann der kleine Napoleon mit den gekreuzten Armen. Das Püppchen trug schwarze hohe Stiefel, weiße Beinkleider und einen dunkelgrünen, frackartigeu Waffenrock mit Aufschlägen. Das Gesicht mit stechenden Angen und festgeschlossenem Mnnde war ungemein ähnlich und hatte einen Ausdruck kalter Entschlossenheit.
Mit diesem Ausdruck der Rücksichtslosigkeit, des skrupellosen Eigenwillens hatte der kleine Napoleon das Fräulein aufgestachelt und hatte es unruhig und unzufrieden gemacht. Die starke Frühliugsluft war dazu gekommen. Im Frühjahr hatte das Sehnsuchtsleiden angefangen.
Die Tante atmete tief auf. erhob sich, ging in das Kabinett neben der Stube und zog sich an. Im schwarzen Seidenkleid kam sie wieder. Sie war fein von Figur, mit kurzen, leicht gepufften, graublonden Scheiteln.
Während sie noch vor dem schmalen Spiegel zwischen den Fenstern stand, tobten die Zwillinge durch den Vorflur heran und stürzten in die Stube, zwei große Mädchen von siebzehn Jahren.