Tänzelfritze
von Max Grad (Schluß)
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in warmer Juniabend! Es war tagsüber so heiß gewesen, daß die Stuben von Glut vollgesogen sind. Jeder versucht sie durch Zugluft vor dem Schlafengehen noch zu kühlen, und fast niemand mag daran denken, zeitig zu Bette zu gehn. So spät bricht jetzt die Dämmerung erst herein. Kaum daß nun — fast zehn Uhr Abends — einzelne Fenster durch die dahinter entzündeten Lampen in einem fahlen, gelben Schein aufleuchten.
Sehr langsam, sehr müde geht Wine gebeugten Hauptes ein Stückchen die Straße entlang voran. Schon hört sie das Pfeifen ihres Bräutigams und die Stimme der Mutter, die dem Sohne noch etwas nachruft. Gleich darauf den tappenden, aber doch sichern Doppelschritt. Es ist immer, als kämen zweie daher, wenn man so lauscht. Das machen die Krückstöcke, die die überaus feingearbeitete Maschinerie der künstlichen Beine etwas entlasten und den Gehenden stützen sollen. Fritz ist heute, wie jetzt so oft, wieder einmal sehr vergnügt. In dem blaß und schmal gewordnen Gesicht des Mädchens liegen die blauen Augen so viel tiefer und scheinen in eine verödete Welt blicken zu müssen. Mut, Kraft und Hoffnung sind in Wine erstorben. Wenn sie so das lichte Haupt beugt, ist es, als erwarte sie in Hilflosigkeit den letzten, allerschwersten Schlag, der jeden Augenblick kommen könne. Sehr oft hatte man ihr, verblümt und offen, zart oder auch recht taktlos geraten, den Fritz doch nicht zu ehelichen. Er verdiene gar nicht eine solche Frau zu bekommen. Wohl an die hundertmal in der langen Flucht dieser Monde hatte sie sich vorgenommen, auch wirklich die erdrückende Bürde von sich zu werfen, und es hatte manche Stunde gegeben, da sie es dem Verlobten, wenn dieser so sichtlich und dnrch eigne Schuld in die dunkelste Tiefe glitt, auch angedroht hatte. Wie er es dann verstand, den Reuigen zu spielen! Den in den Tod Unglücklichen! Wie meisterlich er ihr das Elend, das dadurch über ihn an Leib und Seele und auch über seine hilflosen alten Eltern hereinbrechen müßte, zu schildern wußte! Keine Selbstanklagen waren ihm zu groß, seine Demut eine grenzenlose.
Und Wine, wie verrannt in eine fixe Idee, der sie so fanatisch anhing, als erliege sie einer Hypnose, ließ sich aufs neue verstricken in ein Netz, das niemals wirklich geknüpft war, dem sie auch schon wieder entglitten gewesen, und in das sie sich, freiwillig und dann so unentrinnbar, abermals begeben hatte. Aber nun! Nein, jetzt fühlt Wine, daß sie ein Ende machen müsse, wenn sie nicht zusammenbrechen wolle. Sie denkt dabei kaum an sich selbst; viel mehr an ihre Eltern. Sie weiß auch, daß diese, besonders der Vater, ihr in allem, wie sie bis jetzt handelte, recht geben würden. Nein, sie hat keine Verpflichtung, sich, ihr ganzes Leben einem Un-