Die politische und wirtschaftliche Lage Brasiliens zur Jahreswende
rasilien hat im letzten Jahre die Augen der Welt mehr als je auf sich gezogen. Die Neuwahlen zum Nationalkongresz, die panamerikanische Konferenz, der Präsidentenwechsel, die Kaffee- valorisation, die Gründung der Konversionskasse und eine Anzahl auswärtiger Anleihen — das alles waren Ereignisse, die Interesse beanspruchen durften und auch gefunden haben. Die Rubrik „Brasilien" ist heute in den europäischen Zeitungen nahezu stehend geworden, denn manche der dort in Angriff genommncn Reformen und Projekte sind von einer Beschaffenheit, daß sie noch für geraume Zeit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich ziehen dürften. Es haben sich gewaltige kapitalistische und wirtschaftliche Interessen Europas und Nordamerikas im Lande entwickelt. Allein in auswärtigen Anleihen sind dort zwei Milliarden Mark angelegt. Und ein internationaler Handelsverkehr von anderthalb Milliarden zeugt von der Lebhaftigkeit der vorhandnen Beziehungen.
Da ist es denn kein Wunder, daß die immer häufiger laut werdenden Befürchtungen, daß in Brasilien eine Wirtschafts- und Finanzkrise bevorstehe, eine gewisse Beunruhigung erzeugen. Aber man ist an solche Krisen in latino- amerikanischen Ländern ziemlich gewöhnt, und so lange die innerpolitische Lage gefestigt erscheint, werden in diesen mit natürlichen Reichtümern und Hilfsquellen gesegneten Ländern die Stockungen in der Entwicklung erfahrungsgemäß innerhalb einer gewissen Zeit meist überwunden. Fassen wir diese innerpolitische Lage zunächst ins Auge, so haben zwar im verflossenen Jahre zwei Revolutionen oder Revolutionsversuchc vou regional beschränkter Bedeutung stattgefunden, aber die Un.ruhen wurden so schnell beigelegt, daß weder das In- noch das Ausland sie für gefährlich ansah. Die erste fand im fernen Matto Grosso statt, wo die Aufständischen unter Führung des dortigen Vizepräsidenten die Oberhand gewannen und den gesetzlichen Präsidenten so schnell und energisch
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