Z76 Maßgebliches und Unümßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel. (Zur Niederlage der Svzialdemvkratic. Die Frage der Mehrheit im neuen Reichstage.)
Der neue Reichstag ist fertig. Die Stichwahlen in den ersten Februartagen haben gehalten, was die Hauptwahlen versprochen hatten. Das hervorstechende Merkmal bleibt die Niederlage der Sozialdemokratie. Von 79 Sitzen im Reichstage hat die Partei nur 43 gerettet. Es bleibt für nachdenkliche Beurteiler der politischen Erscheinungen die Hauptfrage, was das zu bedeuten hat, woher dieser Zusammeubruch kommt, und was für Schlüsse sich daraus ziehn lassen.
Die Sozialdemokraten selbst müssen natürlich eine Formel finden, um den Mut der Partei neu zu beleben und in der Erklärung der Niederlage zugleich einen Trost für die Zukunft zu geben. Dazu müssen ihnen die Zahlen der Stimmen dienen. Schon im Jahre 1903, als die Neichstagswahlen einen großen Steg der Sozialdemokratie zu bedeuten schienen, rief das wilde Triumphgeschrei der Partei in alle Welt hinaus, daß nicht weniger als drei Millionen deutsche Reichsbürger zur roteu Fahne geschworen hätten. Wie ist seitdem nicht nnt der „Dreimillionenpartei" geprahlt und Wucher getrieben worden! Und auch jetzt noch ist die Stimmenzahl der Rettungsanker der geschlagnen Partei. Schon ist herausgerechnet wordeu, daß die Partei bei diesen letzten Wahlen sogar einen Stimmenzuwachs von einer Viertelmillion gehabt hat. Also ist es sogar ein Sieg, wie „Genosse" Mehring meint! Und doch trotz allem ein so klägliches Ergebnis, der Verlust von 36 Sitzen im Reichstag? Ja, so lautet die Antwort, das verdanken wir der Wahlkreiseinteilung, die den Bevölkerungsverhältnissen so schlecht entspricht, daß das Wahlergebnis ein entstelltes Bild des Volkswillens gibt. Es würde zu weit führen, die Berechtigung dieser Klage eingehend zu erörtern. Nur wird man die Bemerkung schwer unterdrücken können, daß die Sozialdemokraten immer sehr schnell bereit sind, Änderungen in den Wahleinrichtuugen — sei es im Wahlrecht selbst, sei es im Wahlgesetz und der Wahlkreiseinteilung — zu wünschen, ihrerseits aber aus jeder, auch nur akademischen Kritik andrer an denselben Einrichtungen ein Kapitalverbrechen zu machen.
Was jedoch die Hauptsache ist: dieses ganze Stimmenzählen hat ja überhaupt einen recht geringen Wert. Wenn noch immer damit in gewissen Schichten ein großer Eindruck erreicht wird, so beweist das nur, daß die Welt seit den Tagen der napoleomschen Plebiszite nicht klüger geworden ist. Die Zusammenbringung einer großen Stimmenzahl ist eine Frage der Organisation. Eine Organisation, die sich eingelebt und Erfahrungen gesammelt hat und die ganz bestimmte, durch gleiche Lebenslage aufeinander angewiesene Bevölkerungsklassen umfaßt, wird es niemals schwer haben, bei einer geheimen Wahl die Stimmenzahl hinaufzuschraubeu. Die Sozialdemokratie hat von vornherein darauf gerechnet, in jedem Fall eine Stimmenstatistik nach dieser bewährten Methode aufzumachen. Denn die bürgerlichen Parteien bilden ihr gegenüber nicht eine so kompakte Masse, daß sie mit ähnlichen Zahlen aufwarten könnten. Der Sozialdemokratie erlaubt der fortgesetzte Ausbau ihrer Organisation in einem Lande, das eine schnell zunehmende Bevölkerung und innerhalb dieser Bevölkerung eine verhältnismäßig noch schneller zunehmende Jndustriearbeiterschaft hat, die Aufstellung immer zahlreicherer Zählkandidaturen, die ganz ausschließlich der auf eiue hohe Gesamtstimnienzahl zielenden Reklametaktik der Partei dienen sollen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der ungeheure Terrorismus, den die Partei zu übeu versteht. Er wird vielleicht nur noch übertroffen durch