273
Granden von Spanien erster Klasse, verlobt habe. Die Hochzeit solle Anfang Mai stattfinden; er werde seinen Eltern, denen errate, die Osterzeit in Rom zuzubringen und erst Ende April nach Neapel weiter zu fahren, bis Florenz entgegen reisen. Ein Blick in den Gothaischen überzeugte den alten Herrn, daß sein "sehnlichster Wunsch erfüllt war. Alte, sagte er gerührt, wenn ich es mitansehn könnte, wenn Ernings Schwiegervater bedeckten Hauptes vor dem Throne des allerkatholischsten Königs steht, würde ich da nicht ein Jahr meines Lebens darum geben? Lieber nicht, sagte Tante Minna, dazu sind wir zu glücklich.
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Rcichsspiegel. (Das Ergebnis der Hanptwahlen zum Reichstag.)
Eine große, helle Freude dnrchzittert nach der Wahlschlacht, die am 25. Januar geschlagen worden ist, die Mehrheit des deutschen Volkes. Was uns dieser Tag gebracht hat, war eine frohe Überraschung. Niemand hatte sich so recht gefreut, einen gnten Ansgang vorherzusagen. Zwar fehlte es nicht an Anzeichen — und das haben wir vor acht Tagen kurz vor der Wahl noch feststellen zu können geglaubt —, daß die Stimmung unter den nationalen Wählern besser und gehobner war, als noch kurz zuvor. Aber wer durste sich vermessen, vorher zu beurteilen, wieweit es gelingen würde, diese Stimmung in die Tat umzusetzen? Konnte nicht wieder — um cm eine berühmte Rede des Fürsten Bismarck zu erinnern — der Lokigeist geschäftig sein, der den blinden Hödur, den Wähler, anstiftete, daß er wieder einmal den deutschen Völkerfrühling erschlage? So hat wohl jeder dem Wahltage mit Bangen entgegengesehen. Und doch hat sich gezeigt, daß das deutsche Volk in der Tat aufgerüttelt war und bereit war, sein Bestes zn tun.
Freilich hat sich das bedächtige, zur Kritik hinstrcbende Temperament des Volkes auch hier nicht verleugnet. Zaghaft und unbeholfen ist immer noch die Aufforderung zur Tat aufgenommen worden. Auch die zur Schau getragne Znver- sichtlichkeit, die in den letzten Tagen vor einer Wahl zn den regelmäßigen Requisiten der Parteiagitation gehört, konnte nicht darüber täuschen. Ein Musterbeispiel Politischer Pflichterfüllung ist auch diese Wahl nicht gewesen. Aber sie kann doch mich für die Zukunft ermutigend wirken, wenn einmal wieder das deutsche Volt müde und flügellahm scheinbar nm Boden liegen sollte. Schon dieser verhältnismäßig schwache Aufschwung, dieser Ansatz zur Selbstbesinnung hat genügt, wenigstens der Svzialdemokratic eine starke Niederlage zu bereiten. Geschlagen ist also die Partei, die am sichersten glaubte aus der allgemeinen Nörgelstimmuug ihren Vorteil zu Ziehen. Was könnte geschehen, wenn sich die Nation noch ernstlicher und ent- schiedner aus dieser Stimmung herausreißen und dauernd ihre Kräfte anspannen wollte, um sich zum Widerstand gegen die bösen Geister, die unsre innere Entwicklung bedrohen, zu wappnen!
Wir haben mehrfach nachgewiesen, daß der Hauptstoß gegen die antinationale Mehrheit des alten Reichstags vom Liberalismus zu führen war. Das werden auch Konservative, wenn sie unbefangen urteilen, zugeben müssen, es ergab sich eben nus der ganzen Lage von selber. Und die Erfahrungen bei der Wahl haben die Nichtigkeit dieser Meinung bewiesen. Im wesentlichen hat der Liberalismus die Frucht der Stimmung, unter der die Wahlen vollzogen wurden, geerntet. Man GrcnzKoten I 1907 3l!