Beitrag 
Zur Geschichte der algerisch-marokkanischen Grenze
Seite
623
Einzelbild herunterladen
 

Zur Geschichte der algerisch-marokkanischen Grenze

von Lh. Freiherrn von Fabrice

hne Zweifel erstreben die offiziellen französischen Regierungs­kreise mit aller Loyalität die Durchführung des Algecirasproto- kolls, und dies um so mehr, als die-.Nepublik gegenwärtig auf dem Gebiete der innern Politik so große Schwierigkeiten zu überwinden hat. Während jedoch in frühern Jahrhunderten die den Gang der Geschichte bestimmenden Kräfte oft verborgen blieben und hinter religiösen, dynastischen, diplomatischen oder militärischen Motiven zurückzutreten schienen, drängt sich in neuerer Zeit der Einfluß der führenden Finanzmächte, das brutale wirtschaftliche Interesse, die Brot- und Magenfrage als einzig regulierendes Leitmotiv der gesamten Weltpolitik immer unverhüllter hervor. So kann es nicht unbeachtet bleiben, daß sich in Paris viele und einflußreiche Vertreter einer aggressiven Kolonialpolitik, die vor allem Marokko längst als eine sichere Beute, ein Gebiet für großartige Finanzoperationen und lukrative Unternehmen aller Art betrachteten, nur sehr widerstrebend mit der wichtigsten, durch die Konferenz erreichten deutschen Errungenschaft abgefunden haben: daß die Zukunft desabendländischen Chinas" nicht durch Sonderabkommen zweier Interessenten geregelt werden darf, sondern daß alle am Welthandel vor­herrschend beteiligten Völker das Recht haben und es ihrer Würde schuldig sind, bei der wirtschaftlichen Erschließung dieses reichen Produktionsgebiets mitzuwirken, nachdem die seit 1668 über ganz Marokko herrschende Filali- dhnastie seit länger als einem Jahrhundert das Land systematisch vom Welt­verkehr abgesondert hatte, sodaß es endlich auf eine Stufe der Barbarei und Ohnmacht herabgesunken ist, die mit seinen natürlichen Hilfsquellen, seiner Lage als Schlüssel zum Mittelmeer sowie der geistigen Begabung seiner Be­wohner in grellem Widerspruche steht.

Ehemals trieb der Hunger die Völker dazu, sich bei passender Gelegen­heit auf ihre Nachbarn zu stürzen. Der moderne Mensch glaubt seine hab-

Grenzbotcn IV 1906 81