Beitrag 
Die Sperlinge auf dem Maschmarkt : ein Leipziger Märchen
Seite
603
Einzelbild herunterladen
 

T>ie Sperlinge auf dem Naschmarkt

Ein Leipziger Märchen von Inlius R. Haarhans

die Witwe Bunick aus Pulsnil) mit ihren Pfefferkuchen und der alte Eberhard Zinngräber ans Schneeberg mit seinem Olitätenbüdchcn in jeder Messe auf dem Naschmarkt nebeneinander standen, das war für alle Leipziger seit langen Jahren selbstverständlich. Wäre es einmal anders gewesen, hätten sich zum Beispiel Iwan Michalowskis Kavtarfdßchen eines Tags zwischen die Bnnickjchen Lebkuchenpakete und die Zinngräberschen Balsambüchsen und Mncherpulverfläschcheu eingeschvben, so würden die Bürger der alten Meßstadt erstauntere Gesichter gemacht haben, als wenn eines schönen Morgens die Alte Wage zwischen Kochs Hof und dem Griechen­hause gestanden hätte.

Wenn erfahrne Leute darüber klagten, daß alles auf dieser Welt dem Wechsel unterworfen sei, daß das erprobte Alte immer wieder vom zweifelhaften Neuen ver­drängt werde, und daß die Fiernnten, bei denen man früher für sein gutes Geld "uch wirklich gute Ware erhalten habe, nach und nach wegblieben oder cmsstürbeu, w brauchte man sie nur an die Unzertrennlichen ans dem Naschmarkte zu erinnern, um sie zu einer Einschränkung ihres harten Urteils über die neue Zeit zu veran­lasse». In der Tat, Mutter Bunick und Vater Zinngräber schienen jedem Wandel Zu spotten, als lebende Allegorien der Beständigkeit trafen sie jahraus jahrein zwei Tage vor Beginn jeder Messe in Leipzig ein, bezogen genau dieselben Buden, ordneten ihre Waren genau in derselben Weise und forderten, unbekümmert nm das Schwanken des Geldwertes, genau dieselben Preise, die sie seit Menschengedenken genommen hatten.

Die ältesten Kunden der Witwe Bnnick wnßten sich zu entsinnen, daß sie einmal ^ue schlanke junge Frau gewesen war. Die Zeit war freilich längst vorüber, die Schlankheit hatte einer stattlichen Fülle weichen müssen, aber in dem vollen, runden Gesicht, dessen Farben so frisch waren wie der weiße und rote Zuckerguß auf ihren feinsten Lebtnchenherzcn, konnte man von Falten und Runzeln noch nicht viel be­merken. Sie war eine Frau in den besten Jahren uud schieu sich vorgenommen zu hciben. es zu bleiben. Freilich, wer ihr die Zahl ihrer Lenze hätte nachrechnen wollen, der hätte einen Anhalt gehabt in ihren Töchtern, von denen sie zu ihrer Unterstützung im Geschäft der Reihe nach immer eine mitbrachte, bis diese dann nach ein paar Jahren heiratete und durch die nächste ersetzt werden mußte. Die Leipziger hatten schon eine ganze Anzahl Bunickscher Mädchen au sich vorüberziehen sehen, die semmelblonde Sophie, die dralle Anna mit den langen braunen Zöpfen, °>e schwarzäugige Sidonie, die rotwangige Katharina, die ernste Antonie und die fröhliche Dorothea, aber immer noch schien der Töchtervorrat der braven Witwe nicht erschöpft zn sein, nnd kein Mensch wußte, ob die kleine rundliche Christine, °ie seit einigen Jahren die Mutter zur Messe begleitete, nun wirklich die letzte lein würde.

Grenzboten IV 1906 78