Beitrag 
Minnefang und Satire
Seite
595
Einzelbild herunterladen
 

Dresdner Rünstlerhefte

593

Was Wunder, wenn die Muse von den Ritterburgen herabsteigt und sich in den mächtig aufblühenden Städten und ihren Bürgerhäusern heimisch macht; wenn sie ihre Abenteuerlichkeiten ablegt und ein schlichtes, einfaches Bürgcr- mädchen wird, nicht mehr hoch zu Roß durch die Welt fährt, sondern wie andre ehrbare Leute hübsch auf Schusters Rappen bleibt. So ist die Poesie der folgenden Zeit, oft philisterhaft und fad, aber doch gemütlich tief und rein wie die biedern Schuster und Schneider in Nürnberg oder Kolmar; bald auch wüst und roh wie die Landsknechte und ihre Dirnen. Ob sie sich wohler fühlte, oben auf den Höhen der Burgen oder in den Werkstätten und Lagerzelten, wer mag das sagen. Jedenfalls sind unter denVolksliedern" der kommenden Zeit manche, die es mit den bestenritterlichen" ausnehmen.

MWMKM

Dresdner Künstlerhefte

ulius Hoffmanns Verlag für Kunst und Kunstgewerbe in Stuttgart gibt als besondre Abteilung seiner längst eingeführten, angesehenen MonatsschriftModerne Bauformen" eine Reihe von Heften heraus, die den Erzeugnissen der neusten Dresdner Architektur und ihrer Nebengebiete gewidmet sind. Sie führen den Titel: Dresdner Künstlerheft, Sonderheft der modernen Bauformen", kosten je zwei Mark und enthalten nur Abbildungen, die von den betreffenden Künstlern selbst ausgewählt und dargeboten werden, keinen Text, wofür wir besonders dankbar sind. Denn Worte über die neue Bewegung hat man allmählich genug gehört. Erschienen sind drei Hefte. Die Aufnahmen sind hervorragend schön und deutlich. Wir empfehlen das Unternehmen auf das angelegentlichste. Hier kann jemand bester und jedenfalls bequemer, als in der Wirklichkeit, kennen lernen, wasdas Neue" ist. Ob er es dann liebt oder nicht, ist eine Sache für sich. Das erste Heft enthält Kirchenbauten der bekannten Dresdner Architektenfirma Schilling und Graebner, die sich ihren ersten, verdienten Ruhm durch den Ausbau und die ganze innere Ausstattung der 1897 durch Brand zerstörten Kreuzkirche erwarb. Wir finden da zunächst die Kirche in Strehlen auf dreißig Blättern mit vielen Detailaufnahmen, sodann zwei Kirchen in Zwickau und Wies« und endlich zwei zurückgewiesene Kirchenprojekte für Chemnitz und Mannheim.Bei der Mannheimer Konkurrenz tröstete uns ein Preisrichter in einem Briefe wenigstens damit, daß er uns auf die nächste Generation verwies, die vielleicht für unsre Auffassung reif sei." Wir selbst haben beim vftern Besehen dieser Tafeln ein immer erneutes Vergnügen und viel Anregung zu weitern Gedanken gefunden. Es wäre aber vorlaut, andre in ihren Ein­drücken durch Worte stören zu wollen. Wir meinen, jeder, der sich für den Grenzboten IV 1906 77