Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
437
Einzelbild herunterladen
 

487

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspicgel. (Stimmungen und Verstimmungen. Reichstcig und Reichs- ^»zler. Unsre auswärtigen Beziehungen. Die polnische Bewegung.)

Unsre innern Zustände werden dein künftigen Geschichtschreiber manches Rätsel aufgeben. Alle Voraussetzungen nationaler Größe sind erfüllt. Eine wachsende Bevölkerung, wachsender Wohlstand, in Wissenschaft und Technik gesunder Fortschritt und reges Leben, in der Kunst immer noch eine achtbare Höhe, wenn wir nns auch ciu den höchsten Forderungen gemessen vielleicht in einem Wellental der künstlerischen Entwicklung befinden alles in allem ein Zustand, um den nns fremde Völker beneiden, in dem sie zum Teil ein Vorbild, zum Teil eine Gefahr >ür sich selbst sehen, und der uns vor allem eine Zukunft verbürgt. Uud bei nlledem ein Mißmut, eine Gereiztheit, wie sie in den Herzen besorgter Vnterlands- freunde zu Zeiten des ärgsten Politischen Niedergangs nicht schärfer empfunden werden tonnten. Es muß also in dem Gaug der Staatsmaschine etwas geben, wodurch angeregte Erwartungen und Empfindungen immer wieder aus dem Gleich­gewicht gebracht werden, sodaß alles zuletzt unruhig und mißtrauisch wird und die Gefahren und Mißstände, an denen es zu keiner Zeit fehlt, in starker Ver­größerung sieht.

Es wäre töricht, über die Ursache dieser weitverbreiteten Uurnhe und Besorguis einen Schleier breiten zu wollen. Man findet sie in den übermächtigen persön­lichen Einwirkungen, die vo» dem Oberhaupt des Reichs ausgehu. Bis in die Itrengkonservativen Reihen hinein spricht man heute von dempersönlichen Regiment", unter desfeu Einwirkungen die Reichspolitik steht. Dabei ist man heute unter unabhängigen, ruhig denkenden und warm empfindenden Männern weit entfernt, ^ großen und seltnen Vorzüge des Kaisers zu verkennen oder zu unterschätzen.

lber man hegt die ehrliche Furcht, daß gerade diese außergewöhnlichen Gaben in ^erbindung mit einem hochgespannten Pflichtgefühl und einem starken Temperament

^ solcher Machtfülle dahin führen müssen, daß die zur Mitwirkung notwendigen Bedeutung verlieren nnd der Irrtum entsteht, als könne ein einziger

, nn auch heute noch die Last der Verantwortung tragen, die mit der Führung "»es großen Volks und Staats verbunden ist. Zur Beschwichtigung dieser Be- >°rgnisse genügt nicht der Nachweis, daß die verfassuugsmäßige Inständigkeit in °er Form niemals überschritten wird. Deshalb kann doch in dem allzu starken Über­gewicht der Krone etwas liegen, wodurch andre legitime Einflüsse, die das heutige ^taatsleben nicht entbehren kann, mehr herabgedrückt werden, als eine reife nnd gesunde Nation wünschen darf.

Die allgemeine Besorgnis, die aus dem häufig beobachtete» Eindruck der Persön-

tthkeit des Kaisers entspriugt, ist in der letzten Zeit durch manche Vorgänge verstärkt worden, die in ihrem innern Zusammenhang durchaus nicht immer richtig erkannt worden Nnd. Manche Kundgebungen des Monarchen, die als ein unstetes Eingreifen in den

Mgen Gang der auswärtigen Politik und als Ursache iuternationaler Verstimmungen ^wpfunden wurden, haben in Wirklichkeit gar nicht diese Bedeutung gehabt; man geübte es nur allgemein. Auch in der innern Politik wies man persönlichen Ein- N"fsen eine Rolle zu, die sie in Wahrheit gar nicht gespielt haben. Aber es bleibt

°ch kein Zufall, daß gegenwärtig ganz nüchterne Lente dem nichtsnutzigsten Hinter-

reppenklatsch unbesehen' Glauben schenken. Gerade in eine solche Zeit, in der «an die peinlichen Eindrücke von Algeciras noch nicht überwunden hatte und sich Ver die Kolonialskandale sowie über die durch Herrn von Podbielski gegebnen Ärgernisse Sorgen machte, fiel nun die Abwesenheit des Reichskanzlers infolge seiner '"«ranknng, also eine scheinbare Ausschaltung des leitenden Staatsmanns, dem sich Grenzboten IV 190S 57