Materialistische Strömungen in der amerikanischen
Literatur
in fast bis zum Überdruß gebrauchtes Schlagwort hat Amerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten bezeichnet. Vielleicht wäre es ebenso berechtigt, es das Land der schroffsten Kontraste zu uennen. Keine Nation hat in verhältnismäßig kurzem Zeitraume so tiefgehende Wandlungen durchgemacht wie die Vereinigten Staaten, und bei keinem Volke sind die Wnnden solcher Umwälzungen so rasch vernarbt.
Ein charakteristisches Bild dieser schnellen Anpassung an äußerst schroff kontrastierende Zeitströmungen gibt in kleinem Rahmen die Geschichte der Neu- Englcmdstaaten, die die Wiege des mächtigen Völkerbundes waren und bis in die jüngste Zeit den Mittelpunkt des amerikanischen Geisteslebens bildeten.
Zu Beginn sehen wir hier zunächst eine Theokratie mit ausgesprochen alt- testamentlicher Färbung entstehn. Die Kolonie gedeiht unter der Herrschast dieser strengen, fanatischen Kalvinisten, solange die Bürger ihren Überschuß an Kraft im Kampfe mit der feindlichen, eingebornen Bevölkerung ausgeben können. Erst als sie in ungestörtem Besitze des eroberten Landes sind, als kein Feind mehr zu überwinden ist, wendet sich ihre Energie religiösen Fragen zu, und sie geraten auf allerlei Irrwege. Da glüht noch einmal, wie ein Abglanz aus Europas Mittelalter, der Hexenglanbe ans, und unschuldige Opfer bluten um eines Wahnes willen. Doch die trübe Flamme dieses Aberglaubens, die von fanatischen Geistlichen genährt wird, leuchtet dem Untergang ihrer Herrschaft. Zu drückend lasteten die Fesseln geistlicher Autorität auf dem Tun und Treiben der freien Bürger.
Der Volkswille enthebt Jncreasc Mathers der Leitung von Harvard College, und schon zeigen sich die ersten Spuren der unitarischen Bewegung, die schnell weitere Kreise zieht und mit dem Beginne des vorigen Jahrhunderts die letzten Reste der Priesterherrschaft überwindet. An derselben Stelle, wo sich Cotton Mather kraft seines Amtes berufen gefühlt hatte, über das Seelenheil jedes einzelnen seiner Pfarrkinder wie ein Richter des Alten Bundes zu entscheiden, konnte Ralph Waldo Emerson sein neues Evangelium predigen, wonach jeder Mensch als Richtschnur für sein Handeln nur der Stimme in seiner eignen Brust zu folgen habe.
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