KM
Koloniale (Lisenbahnpolitik
von Rudolf Wagner in Berlin
s ist noch nicht allzulange her, als Leute, die nnt kolonialen Eisenbahnprojekten hervortraten, überall verschlossene Türen fanden, oder wenn sie sich so leicht nicht abweisen ließen, beinahe nicht für ganz normal gehalten wurden. Den offiziellen Kolonialkreisen steckte die Ära Caprivi noch in den Gliedern, und niemand wagte sich au durchgreifende Maßnahmen zur Erschließung unsrer Kolonien heran. Nur sich nicht mit aussichtslosen Vorlagen blamieren, das war der Grundtou unsrer Kolonialpoltik — nicht mit Unrecht, denn mit dem Reichstage war in kolonialen Dingen schlechterdings nichts anzufangen. So guckte man denn da und dort — notabene, wenn es nichts kostete —, meist mit wenig Glück, den Engländern einiges ab und war im übrigen froh, wenn man alljährlich seinen üblichen Etat bewilligt bekam, der so zaghaft wie möglich aufgestellt wurde. Aber das richtige Fluidum fehlte, das Geld, den weiten Gebieten unsrer Kolonien Leben einzuhauchen. Es fehlte an einem weitgehenden Entgegenkommen des Mutterlandes, unserm Kolonialbesitz, wenn auch unter Opfern, zu Verkehrsmitteln zu verhelfen, die geeignet waren, den privaten Unternehmungsgeist anzuregen und ihm eine gewisse Gewähr für erfolgreiche Arbeit zu bieten. Die kolonialen Kreise waren zwar keineswegs untätig, aber sie fielen von einem Extrem ins andre und konnten den goldnen Mittelweg nicht finden. Heute zu zaghaft, verlangten sie morgen zuviel.
Erst fortgesetzte Fehlschlüge mußten der öffentlichen Meinung gewaltsam die Augen darüber öffnen, wieviel in unsern Kolonien auf dem Spiele steht, und daß es so nicht fortgehn konnte. Auch bei der Volksvertretung begann man unter dem Eindruck der Nackenschläge in Südwestafrika einzusehen, daß an den Mißerfolgen in den Kolonien nicht so sehr die Kolonien selbst oder die handelnden Personen schuld waren als vielmehr das ganze System, diktiert durch das geringe Entgegenkommen des Mutterlandes.
Grenzboten III 1906 ^