Luftreisen
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kommen sollten. Denn viele Meilen weit ist keine Ansiedlung, kein Weg zu erblicken. Wir würden günstigenfalls viele Stunden brauchen, um uns zu Menschen durchzuarbeiten, auf deren Hilfe wir ja für die Verpackung und Beförderung der Ballonhülle und des Korbes mit einem Gesamtgewicht von etwa 250 Kilo angewiesen sind. Dann konnten Tage vergehn, bis wir mit unsrer Last die nächste Bahnstation erreichten.
Doch unsre Sorge ist unnötig. Der Wind treibt uns flott über die riesige Flüche hinweg. Zn unsrer Linken ziehn sich die flachen Ausläufer des Wieheugebirges hin, fern im Süden von den Höhen des Teutoburger Waldes überragt. Nunmehr zeigen sich unter uns auch wieder Pfade, die durch Heide und Wiesen führen, Felder mit üppig grünender Wintersaat, eine baumbesetzte Landstraße nnd schmucke Gehöfte, deren Häuser schon an niederländische Bauart erinnern. Die Grenze kann nicht allzuweit mehr entfernt sein, jenseit von ihr zu landen, ist deutschen Offizieren untersagt. Dazu drohen weiter westlich die Sumpflaudschaften des in die Niederlande hinein sich erstreckenden Bourtanger Moors, das das glücklich überflogne Moor von Börden um mehr als das Zehnfache an Größe übertrifft (1400 Quadratkilometer). Unser Ballon zeigt noch immer volle Kugelform, auch an Ballast haben wir keinen Mangel, sodaß wir gut noch eine Fahrt bei Tage anschließen und uns weit nach Holland hineinwagen könnten, aber für unsern Hauptmann verbietet dies der Gehorsam des Soldaten. Auf alle Fülle müssen wir noch bis in die Nähe einer Bahnlinie gelangen, und wirklich liegt uach einigen Minuten eine solche vor uns, es ist die erste wieder, seit wir die Linie Bremen-Köln hinter uns gelassen haben. Vorher müssen wir noch über zwei Flüßcheu hinweg, Parallclläufe der Hase, die Hohe und die Tiefe Hase. Jetzt sind wir nur uoch wenig Kilometer von einer kleinen Bahnstntion entfernt. Erneuter Zug am Ventil, der Korb stößt ganz leicht auf, hebt sich aber sofort wieder, uud nun gelingt es uns, abwechselnd durch Ballastanswcrfen und Ventilziehen knapp über dem Felde hinschwebend bis zu einer weichen ländlichen Straße vorzudringen, sodaß wir größern Flurschaden vermeiden. Der Ballon wird aufgerissen, und wie berechnet, sinkt die Hülle, vom Winde lang ausgestreckt, auf dem Wege nieder. Die Uhr zeigt 5 Uhr 50 Minuten. Genan nach zehn Stunden, in denen wir 320 Kilometer Luftlinie, an Fahrtlinie infolge des wiederholten Richtungwcchsels viel mehr zurückgelegt haben, sind wir „sehr glatt" gelandet in unmittelbarer Nähe eines Meierhofes. Noch scheint dort alles zu schlafen, doch währt es nicht lange, so finden sich hilfbereite Männer nnd Burschen in genügender Anzahl ein. Der freundliche Ort mit seinen ebenso freundlichen Bewohnern heißt Riefte, Kreis Bersenbrück, Regierungsbezirk Osnabrück, Provinz Hannover. Hier also endete meine Führerfahrt.
Grenzbotcn III 1906
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