Menschenfrühling
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kann das Kompliment nicht versagt werden, daß sie in der Hauptstadt in sehr eleganter Verfassung erscheint. Tief eingeschnittcn, die schrägen Uferflächen mit Quadern bekleidet, zieht sie in sanften, die Schiffahrt nicht hindernden Windungen durch das Weichbild.
Unser Mittagsmahl nahmen wir in einer uns cmpfohlnen Weinstube ein, speisten rumänische Nationalgerichte und tranken rumänischen Wein, alles nicht übel. Auch den Siegeszug des Bieres durch Europa zu konstatieren, haben wir mit Erfolg versucht. Als wir uns im Hotel empfahlen, beklebte man unsre Koffer ausnahmslos mit blau und roten Plakaten und entließ uns als reisende Reklame des Hotels Frascati. das wenigstens den Vorzug hat, neu möblierte gute Zimmer für mäßige Preise abzugeben, was man von andern nicht soll behaupten können. (Fortsetzung folgt)
Menschenfrühling
von Charlotte Niese (Fortsetzung)
m Schloßberg stand Rike Bindseil mit einem Päckchen in der Hand.
Ich wollte dir ein paar Kuchen schenken, Kind. Du bekommst wohl nicht allzuviel, und Stinas Kandidat ist ja nun auch weg.
Onkel Aurelius wird schon wiederkommen, entgegnete Anneli, die Rikes Bezeichnung des Kandidaten ganz überhörte.
Glaubst du das? Wie ich höre, ist seine Cousine eine reiche Witwe und noch ziemlich jung. Junge Frauen hatte Herr Bergheim immer lieber als alte, und für Geld war er sehr empfänglich. Ich kenne ihn von früher her, Anneli, er war nicht schlecht, aber seine Gedanken gingen immer zu sich selbst. Sage das alles nur Stina Böteführ, damit sie sich nicht ihr Hochzeitskleid näht, das sie doch nicht anzuziehn braucht.
Da Anneli gleich darauf im Schloßhofe Stina begegnete, so konnte sie ihre Bestellung sogleich ausrichten. Wieviel sie sagte, wußte sie nicht, es war aber auch kaum nötig. Stina nickte nur, und der Ausdruck ihres Gesichts war düsterer als jemals.
Laß man, Kind. Ich weiß all. Wie es ist, so ist es, und ich kann nix dabei wachen. Was die Männers sind, die sind einmal so; und ich hoffe bloß, daß die ueue Madnmm ein büschen schlecht beim Kochen ist. Denn ist da doch noch himmlische Gerechtigkeit bei.
Himmlische Gerechtigkeit. An das Wort mußte Anneli am nächsten Abend denken, der in der Christenheit der Weihnachtsabend hieß, und an dem alle Wünsche der Menschheit in Erfüllung gehn sollten. So wenigstens sagten die Leute, die «was von diesen Dingen versteh« wollten, und die sicherlich nicht ahnten, wie bitterlich enttäuscht man auch an diesem Abend sein kann.
In des Hofrats Zimmer brannte ein kleiner Tannenbaum, und er selbst sah ""t seinen Träumercmgen in die leise verglimmenden Lichtchen, ohne auf Anneli zu achten, die vor einem Haufen von Kleidungsstücken und Schulbüchern stand. Alles nutzliche Gaben, von Stiefeln und Strümpfen aufwärts zu einem blauen Tuchkleid "'it gleichfarbiger warm gefütterter Jacke und dazu passendem Pelzkcippchen. „Von der Großmutter" stand auf einem Zettel an diesem Anzüge, und manches kleine Mädchen würde Anneli um dies hübsche und nützliche Geschenk beneidet haben.