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Menschenfrühling
Ausgestaltung dieser seiner Lieblingsschöpfung der wirtschaftlichen Entwicklung Bosniens um Dezennien vorausgeeilt sei, weil diese und andre Einrichtungen zur Hebung des Fremdenverkehrs bis jetzt Zuschuß brauchen. Abgesehen von dem ideellen Gewinn, dem der persönliche Verkehr mit dem Westen für die zum Teil doch recht einsam sitzenden Offiziere und Beamten bringt, glaube ich, daß die Spekulation auf das Bekanntwerden Bosniens und die Ausbeutung seiner Sehenswürdigkeiten auch finanziell einschlagen wird. Wenn Bosnien jetzt schon seinen Haushalt selbst bestreiten kann, so durfte Kallay auch diesen Wechsel auf die Zukunft ruhig ausstellen. Ich meinerseits habe das Andenken des zweiten Schöpfers von Bosnien gesegnet, so oft ich zum Schluß schöner aber anstrengender Tage in Sarajewo und dessen Umgebung mich Abends der herrlichen Therme von Jlidze erfreuen durste.
Österreich-Ungarn hat viel für sein Neuland getan, es hat Bosnien der europäischen Kultur gewonnen, aber es war nicht bloß gebend, sondern auch empfangend.
Österreich-Ungarn durfte, um nur eins zu nennen, sich und der Welt zeigen, daß die innern Zwistigkeiten seine staatsbildende Kraft doch nicht ganz aufgezehrt haben, daß es noch imstande ist, eine Beamtenschaft aus allen Nationalitäten des Reichs zusammenzustellen, die von der Neichsidee beherrscht ist, eine Beamtenschaft, mit der eine Kulturarbeit geschaffen werden kann, wie sie Maria Theresia auf der Höhe der Macht Österreichs in dem verödeten Südungarn geleistet hat.
Die Reise durch dieses Kvlonialland, mitten im alten Europa, hat mich manches, was wir Zuhause haben, mit kritischen Augen zu betrachten gelehrt, und einen alten Skrupel hat sie mir gründlich genommen: nach den materiellen und den ideellen Vorteilen, die durch die Okkupation den Bosniern wie den Österreichern in demselben Maß erwachsen sind, ist mir jeder Zweifel darüber vergangen, ob zivilisierte Nationen das moralische Recht haben, in Ländern niedrer Kultur ungerufen einzugreifen und zugleich kolonisierend und zivilisierend vorzugehn.
Menschenfrühling
von Charlotte Niese (Fortsetzung)
nneli saß ganz still. Sie hatte es aufgegeben, ihren Gesang zu lernen, und die Rechenaufgabe für Herrn Gebhardt schob sie zur Seite. Es war hübsch, ihren Onkel so sprechen und lesen zu hören. Später, wenn sie groß war, wollte sie ihn bitten, alles noch einmal lesen zu dürfen.
Aber Onkel Willi sprach nicht weiter. Er war aufgestanden und an das Fenster getreten, das er öffnete.
Was willst du? fragte er auf die Terrasse hinaus, und Fred Rolands Stimme antwortete:
Darf Anneli nicht einen Augenblick herauskommen?