Anastasius Grün
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im Geiste zwischen Burckhardts Zeilen einzuschieben und zu vergleichen, wo er richtig prophezeit und wo er geirrt hat. Wie viele Gedanken stehn auch auf diesen Blättern schon verzeichnet, die viel später als großartige Entdeckungen in die Welt hinausposaunt worden sind, mit denen später ganze Bände gefüllt wurden. Für den Geschichtskundigen ist es ein herrliches Gefühl, sich von dem Schwünge Burckhardtscher Gedanken hinauftragen zu lassen zu den beglückenden Höhen reiner und — soweit es dem Menschen möglich ist — tendenzfreier Anschauung des Geschehenen, für den Freund edler deutscher Sprache ist es kaum ein geringerer Genuß, Burckhardts eindrucksvoller, oft malerisch anschaulicher Redeweise zu lauschen. Ein Beispiel davon für viele: um verständlich zu machen, wie eine große Persönlichkeit in mehrfachem Sinne idealisiert werden kann, so Karl der Große als Held, Fürst und Heiliger, sagt er: „Wir sehen zwischen Tannen des hohen Jura hindurch in weiter Ferne einen berühmten Gipfel mit ewigem Schnee; er wird freilich zugleich von vielen andern Orten aus in andrer Art gesehen, durch Weinlauben, durch enge Hallengassen Oberitaliens; er ist und bleibt aber derselbe Montblanc."
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Anastasius Grün
Gin Gedenkblatt zur hundertsten Wiederkehr seines Geburtstages
von w. Berg (Fortsetzung)
as Jahr 1860 brachte wieder einen Wendepunkt in seinem äußern Leben. Der Staatsmann verdrängte wieder den Dichter, seitdem das Ministerium Bach 1859 gestürzt war, und Österreich wieder in konstitutionelle Bahnen einlenkte. Der Kaiser berief ihn nämlich als „zeitliches Mitglied" in den „Verstärkten Neichs- rat." In die dort herrschende bureankratisch-feudal-ultramontane Atmosphäre brachte Graf Auersperg Leben und Bewegung. Man war dort verblüfft über die Art seiues Auftretens; eine so kräftige, mannhafte Sprache, die jede behutsame Leisetreterei verschmähte, hatte man bis dahin dort noch nicht vernommen. Als man zum Beispiel über die Vorrechte der privilegierten Klassen verhandelte, rief Auersperg aus: „Was ist Geschichte? Sie ist das kondensierte, in die Ferne gerückte und zur Anschauung gebrachte Bild des Lebens. So wie das Leben fortgeht und nicht endet, so geht auch die Geschichte fort und endet nicht." Also anch hier wieder der evolutionistische Gedanke. In derselben Sitzung strebte er, indem er eifrig für die „Freiheit Ungarns" und für die Rechte der Länder unter der Stephanskrone sprach, die Versöhnung au. Aber schon im nächsten Jahre sah er sich durch die ungarischen Gelüste genötigt, eine politisch-historische Schrift: „Die ungarische Bewegung