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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

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Maßgebliches und Unmaßgebliches

Neichsspiegel. (Die russische Note. Das Ende in Algeciras. Kolonial­kämpfe im Reichstage. Minister von Bethmcmn-Hollweg über Wahlrecht.)

Gleich einen« großen Steine, der mit einem mächtigen Plumps in ein ohnehin erregtes Wasser saust und es in weiten unruhige» Wellenkreisen bewegt, hat die russische Note schier zuguterletzt, als in Berlin alle Welt auf die Meldung vou der in Algeciras erreichte» Verständigung wartete, das dentsche Publikum mit einem schrillen Mißakkord überrascht. In Deutschland hatte niemand je daran geglaubt, das; Rußland, das im westlichen Becken des Mittelmeers keinerlei Interessen hat, Frankreich in Algeciras im Stich lassen werde. In ganz Europa pfeifen die Spatzen von den Dächern, daß Graf Witte mit Sehnsucht auf eine neue französische Milliarde wartet, die Frankreich ihmnach Beendigung der Marokkokrisis" zugesagt hat, uud an allen Börsen ist bekannt, wie dringend Graf Witte dieses Geld braucht. Andrerseits weiß gerade er am besten, welche großen Dienste Deutschland dem russischen Nachbar während des japanischen Krieges und später, namentlich auch bei der Herbeiführung des Friedensschlusses, iu der loyalsten Nachbarschaft geleistet hat. Er sowohl wie die ganze russische Diplomatie sind deshalb in einer sehr schwierigen Lage. Auf der einen Seite derfranzösische Verbündete," der sich bereit erklärt hat, der russischen Geld­not bei gutem Wohlverhalten ein Ende zu machen, auf der andern Seite Deutsch­land, das auf Rußlands Erkenntlichkeit einen wohlbegründeten Anspruch hat. Immer­hin war Deutschland zu der Annahme berechtigt, daß Rußland seine gegebne Ver­mittlerstellung auch als solche ausfüllen werde.

Bis zu eineni gewissen Grade hat Rußland, dem an einem baldigen nnd beide Teile möglichst befriedigenden Ausgang in Algeciras sehr gelegen sein muß, dieser Erwartung auch entsprochen. Es hat keine neuen Schwierigkeiten geschaffen und in Algeciras vermittelnd zu wirken gesucht. In Berlin freilich mehr durch Empfehlung zur Nachgiebigkeit uud auch unsrer Botschaft in Petersburg gegenüber, sogar von der höchsten Stelle aus, durch den Ausdruck der Erwartung', daßKaiser Wilhelm schließlich ein Machtwort sprechen werde." Im übrigen hat man sich ausweichend Verhalten. In Paris dagegen scheint sich die russische Botschaft auf die Unter­stützung jeder dort bemerkbaren Neigung zur Nachgiebigkeit in den wenigen Fällen dieser Art beschränkt zu haben.

Botschafter können die von ihnen zu vertretende Politik nicht nach ihren per­sönlichen Sympathien einrichten, sie müssen sich den Interessen ihres Landes an­passen, und die meisten Diplomaten suchen berufsgemüß mit der Negierung, bei der sie beglaubigt sind, auf gutem Fuße zu stehu. Gilt das schon für die gewöhnlichen Vertretungsposten, um wieviel mehr noch da, wo es sich um eine befreundete und Verbündete Macht handelt. Unter den heutigen Verhältnissen kann kein russischer Bot­schafter iu Paris irgendeinen Schritt tun, der die Sympathien Frankreichs für Rußlaud und damit das Bündnis in Gefahr brächte. Rußland braucht von Frank­reich: erstens Geld, zweitens die NichtUnterstützung der Polen, drittens verbürgt die englisch-französische Entente indirekt auch eine erwünschte Annäherung Englands an Rußland. Das sind Tatsachen, mit denen sich ein russischer Botschafter iu Paris abfinden muß.

In den Petersburger maßgebenden Kreisen ist man mit Recht über die Pariser Indiskretion erregt, die schließlich auf die gesamte Haltung und Leitung der russischen Politik kein sehr rühmliches Licht wirft. Die feierliche Pose der Note kam stark xvst tsstum, denn Deutschland hatte schon erklärt, daß es auf das vorgeschlagne neutrale Hafenkommando in Casablanca gar kein Gewicht lege. Deshalb wurden mit der russischen Note nur offne Türen aufgestoßen; schließlich mußte man sich obendrein bei Deutschland entschuldigen. Ganz aufgeklärt ist der Zusammen­hang der Dinge übrigens noch nicht, auch wenn Botschafter Nelidow einen kleinen Teil der Schuld übernimmt, den größern aber dem rswxs zuweist. Zum Schluß