Beitrag 
Aus Polens letzten Tagen : Erinnerungen eines deutschen Dichters :
(Schluß)
Seite
718
Einzelbild herunterladen
 

718

Antike Universitäten

meinte er, der die Pflicht habe, etwas für ihn zu tun, sei der Kaiser von Ruß­land. Auf Wielands Veranlassung rief er die Vermittlung der Kaiserin Maria Feodorowna an. Der Brief hat sich im Konzept unter den Papieren Seumes gefunden; seine Verhältnisse und die Umstände, aus denen er das Recht ab­leitete, um die Erleichterung seiner Existenz zu bitten, sind darin ergreifend dargestellt. Aber zugleich tritt die Überwindung, die es ihn kostete, den Brief überhaupt zu schreiben, so deutlich hervor, daß der höfischere Wieland, der das Gesuch der Erbgroßherzogin Maria Pawlowna zur Weiterbeförderung an ihre Mutter übergeben sollte, verlegen meinte, es sei etwas sonderbar stilisiert. Trotz­dem hatte es den gewünschten Erfolg. Kaiser Alexander setzte Seume eine Jahrespension aus, die genügt hätte, ihn für immer drückender Not zu entheben- Aber die Anerkennung der Dienste, die uuser Landsmaun den Russen in Polen geleistet hatte, kam zu spät. Zwei Tage, bevor Wieland dieüberaus graziöse" Antwort der Kaiserin in Händen hielt, hatte er die Nachricht empfangen, daß Seume am 13. Juni 1810 in Teplitz seinen Leiden erlegen sei.

-^-«^M«

«KsM

Antike Universitäten

von Wilhelm Aroll

>ie die Wissenschaften, die wir heute auf den Universitäten pflegen, fast alle von den Griechen geschaffen worden sind, so haben diese auch zuerst Anstalten begründet, die wir mit unsern Hochschulen ver­gleichen können, und die auch auf deren Entstehung einen gewissen I Einfluß ausgeübt haben. Die Neigung zu systematisieren, iu dem krausen Gewirr der Einzelerscheinungen einfache und klare Linien aufzuzeigen, hat den Griechen im Blute gesteckt; sie hat bewirkt, daß sie von Anregungen der Praxis aus früh zur theoretischen Spekulation übergegangen sind, uud ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß zu der Zeit, wo die Spekulation ihr Haupt erhob, die Religion der Väter morsch war und ihre Geltung zu verlieren be­gann, sodaß der Gedanke, frei von dem Wust theologischer Dogmen, seinen Siegeszug durch die Welt antreten konnte. Es ist gewiß ein großer Schritt in der Geschichte des menschlichen Geistes, wenn zum erstenmal wissenschaftliche Fragen um ihrer selbst willen aufgeworfen und beantwortet werden, und es müssen viele Bedingungen zusammentreffen, einen solchen Fortschritt zu er­möglichen. Im eigentlichen Hellas ist lange kein Boden für solche Bestrebungen gewesen, weil hier der Horizont dnrch kleinliches Parteigetriebe und unablässige Fehden mit den Nachbarstaaten beengt war. Anders in Jonien: hier traten vor den großen kolonisatorischen Aufgaben und vor dem Gegensatz gegen die stammfremde einheimische Bevölkerung diese Kleinlichkeiten zurück; der groß­artige wirtschaftliche Aufschwung schuf stolze und unabhängige Menschen und weckte einen weitschauenden Unternehmungsgeist, der zur Besiedlung weit ent­fernter Küstengebiete führte. Die Berührung mit Thrakern und Skythen, Persern und Ägyptern, Libyern und Kelten minderte die nationale Befangen-