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Maßgebliches und Unmaßgebliches
cius der fleißigen Arbeit lernen, obgleich es gerade der deutsche Industriearbeiter ist, der zuerst verhungern müßte, sobald die deutschen Seeinteressen seemächtigen Gegnern zur Beute werden. Georg rvislicenus
Bücher von Möbius. Der sechste Band der bei Johann Ambrosius Barth in Leipzig erscheinenden ausgewählten Werke des bekannten Nervenarztes P. I. Möbius ist Im Grenzlande betitelt. Er enthält sechs Abhandlungen philosophischen Inhalts. Möbius bekennt im Vorwort, daß Philosophie immer sein Lieblingsstudinm gewesen sei, und daß er, wenn es ihm möglich gewesen wäre, lieber Philosoph von Fach als Arzt geworden wäre. Er selbst nnd seine Patienten mögen Gott dafür danken, daß sein Herzenswunsch uicht erfüllt worden ist; mehr Philosophen, als wir schon haben, sind wirklich nicht nötig. Das heißt, was man so Philosophen nennt. Echte Liebhaber der Weisheit freilich können wir nicht genng haben, aber ein solcher kann man als Arzt, Schulmeister, Landwirt oder Schuster viel eher sein als im Stande der Philosophieprofesforen. Zwei der Abhandlungen empfehlen in Dialogform die Philosophie Fechners, zu dessen begeisterten Jüngern Möbius gehört, einer trägt recht annehmbare Ansichten über Religion vor, und einer, der von der Menschenvcredlung handelt, spricht sehr verständig über die Bedeutung des Adels. Daß sich Möbius um die Rehabilitierung Galls bemüht, haben wir schon im 24. Heft 1904 erzählt. Nach den Präliminarien in seinem Goethebnche hat er ihm nun einen besondern Band, den siebenten der ausgewählten Werke, gewidmet: Franz Josef Gall (1905). Der Mann und seine Lehre sind sehr interessant; die Entscheidung jedoch über den Wissenschaftlichen und praktischen Wert der Phrenologie und Kranioskopie müsfeu wir den Fachgelehrten überlassen, die sich wohl noch ein Weilchen darum streiten werden.
Gegen die Pornographie. Der Oberlehrer Dr. Ludwig Kemmer in München, Arcisstraße 32, ist den Grenzbotenlesern als Bekämpfer der Pornographie bekannt. Er hat jetzt eine Schrift herausgegeben: Die graphische Reklame der Prostitution, die bei C. H. Beck in Nördlingen als Manuskript gedruckt worden ist — die Herstellungskosten haben einige gleichgesinnte Freunde aufgebracht —, weil ein Verleger nicht zu gewinnen war. Über die Beschaffung des amtlichen Materials, das der Schrift zugrunde liegt, berichtet der Verfasser: Bei einem flüchtigen Einblick in die Tätigkeit der Münchner Zensnrbehörde habe er die Überzeugung gewonnen, daß er von der wirklichen Größe der unserm Volke von der sich als Kunst und Literatur gebärdenden pornographischen Industrie bis dahin kaum eine Ahnung gehabt habe. Er habe die Erlaubnis erbeten und erhalten, sich aus deu von der Polizei gesammelten Proben zu informieren, und so habe er das Material beschafft, das er den Volksvertretern, Vätern, Müttern, Lehrern, Ärzten als eine unerfreuliche, aber vielleicht doch dem Volke heilbringende Gabe darbiete. Schlimmer noch als die Scheußlichkeiten selbst, die man hier kennen lernt, ist der Umstand, daß zur Herstellung eines Teils davon Kinder, Jünglinge, Mädchen, Frauen des bayrischen Landvolks als Modelle benutzt werden, die man durch die Stellungen, die sie einnehmen müssen, für die Prostitution dressiert. Wer diese Volkspest, deren Vertreter es hauptsächlich auf die Verseuchung des bisher kerngesunden Bayernvolkes abgesehen zn haben scheinen, bekämpfen will, muß sie kennen, und Kemmers Schrift dürfte die einzige Quelle sein, die darüber vollständigen Aufschluß gibt.
Herausgegeben von Johannes Grunow in Leipzig Verlag von Fr. Wilh. Grunow in Leipzig — Druck von Karl Marquart in Leipzig