Mein Freund prospero
von Henry Harland (Fortsetzung)
atürlich ist in der Pfarrkirche von Scmt' Alessina keine so ketzerische Erfindung anzutreffen, wie es Kirchstühle sind. Man sitzt auf einem orthodoxen Binsenstuhl und kniet auf den orthodoxen nackten Steinfliesen. Neben der Epistelseite des Altars aber ist, etwa einen Meter über dem Fußboden, eine von einem Marmorgeländer und von roten Vorhängen abgeschlossene Nische in der Wand, die nicht viel anders aussieht als eine Theaterloge. Dies ist die für die Schloßherrschaft bestimmte Tribüne. (In frühern Zeiten waren die Sforzas Besitzer des Schlosses, und so hat dieses Geschlecht aus Blut und Eisen, voll Wildheit und List, von da aus dem mystischen Opfer des Lammes Gottes beigewohnt!) Bisher war während Johns Anwesenheit in Sant' Alessina die Loge leer geblieben, an diesem Tage aber war sie von Maria Dolores und Frau Brandt besetzt. Maria Dolores hatte, statt einen Hut aufzusetzen, nach alter schöner Sitte einen lange» schwarzen Spitzenschleier über ihr dunkles Haar geworfen.
John kniete im Schiff der Kirche inmitten der zerlumpten, schmutzigen, übelriechenden Bauern. Nach Schluß der Messe kehrte er in die Kreuzgänge zurück und fand sich dort der Dame seiner Träume Auge in Auge gegenüber. Anmutig neigte sie ihr Haupt.
Guten Morgen, sagte sie mit einer Stimme, die ihm voll von Morgenfrische erschien.
Guten Morgen, antwortete er; er hätte gern gewußt, ob sie wohl das Zittern seines Herzens aus den Worten heraushöre. Guten Morgen — obgleich es eigentlich doch wohl ein schlechter Morgen ist. Dabei nahm sein Kopf eine nachdenkliche, zweifelhafte Haltung an, als ob er eine Frage von der höchsten philosophischen Bedeutung aufwerfe.
Oh, mit diesen Kreuzgängen darf man sich eigentlich nicht beklagen, erwiderte sie, ringsum schauend. Man kann sich im Freien aufhalten, ohne den Kopf so gewaschen zu bekommen, wie man wohl verdiente; außerdem ist die Aussicht so schön, und diese verblichnen alten Fresken sind so drollig.
Ja, wiederholte er. Seine geistigen Fähigkeiten schienen für den Augenblick völlig gelähmt. Die Aussicht ist schön, und die Fresken sind drollig.
Nachdenklich ließ sie ihre Blicke auf ihm ruhen, als ob sie sich überlege, in welche Worte sie einen Gedanken kleiden solle, der sie beschäftigte. Finden Sie es nicht ein wenig unangenehm, fragte sie nach einigem Zögern, mit leicht zusammengezognen Brauen, die Messe vou dem Platze aus zu hören, an dem ich Sie heute bemerkt habe?
John sah sie verständnislos an. Unangenehm? Nein! Warum?
Ich sollte meinen, es sei nicht sehr angenehm, von diesen greulich zerlumpten und schmutzigen Leuten gedrückt und gepufft zu werden. Es ist entschieden bedauerlich, daß sich die Leute nicht etwas waschen und säubern, ehe sie in die Kirche kommen.
Ach ja, stimmte er ihr zu, etwas waschen würde ihnen wohl nicht schaden — das ist sicher, aber, fuhr er entschuldigend fort, das ist eben hier nicht landesüblich,