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Maßgebliches und Unmaßgebliches
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel. (Der Reichskanzler im Landwirtschaftsrat. Bauernstand und Sozialdemokratie. Mittel gegen die Landflucht. Bismarcks Großknecht. Wahlrecht und Staatsstreich. Mcmtcuffels sogenanntes politisches Testament. Deutschland und Frankreich in Algeciras und in Kopenhagen.)
Der deutsche Landwirtschaftsrat hat sich — und das wird ihm auch von den Gegnern zugestanden werden müssen — zu dem Range einer vornehmen landwirtschaftlichen Körperschaft entwickelt, die der Vertretung ihrer Interessen mit großer Ruhe und Sachlichkeit obliegt. Als Fürst Bülow deu Reichskanzlerposten übernahm, hatte er es mit Recht als seine wichtigste Aufgabe auf dem Gebiete der innern Politik angesehen, dem durch die Handelsverträge und durch die Kanalvorlagen entstcmdnen Konflikt zwischen den Konservativen und der Krone ein Ende zu machen. Die Handelsverträge nnd mit ihnen die Zollfrngen liegen ans dem Gebiete der Neichspolitik, die Kanalfragen sind eine preußische Angelegenheit. Als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident war Fürst Bülow für beides zuständig, und er konnte seine Doppelstellung in diesem doppelten Sinne verwerten. Der deutsche Landwirtschaftsrat bot für die angestrebte Verständigung ein um so geeigneteres Milieu, als er das gesamte Deutschland umfaßt, und die konservative preußische Kanalopposition in diesem Kreise nicht die ausschlaggebende war. Am 6. Februar 1901, vier Monate nach Übernahme des Kanzlerposteus, erschien Fürst Bülow zum erstenmal beim Festmahle des Landwirtschaftsrnts, und indem er die Anwesenden als „die geordnete Vertretung aller deutschen Landwirte im ganzen Deutschen Reich von der russischen bis zur französischen Grenze" begrüßte, gab er ihnen zugleich die Versicherung, daß er sich eins mit ihnen wisse in dem Bestreben, mit allen Kräften die Interessen der deutschen Landwirtschaft zu fördern, die seit einer langen Reihe von Jahren in sehr schwierigen Verhältnissen sei. Es gebe für ihn nur eine Richtschnur in der Politik, das öffentliche Wohl, das ihm zur Pflicht mache, die großen produktiven Stände, Industrie, Landwirtschaft und Handel, gleichmäßig zu schützen. Die Fürsorge für die Landwirtschaft sei ihm aber nicht nur Pflicht des Amtes, sondern auch Bedürfnis des Herzens, er werde immer mit dem Herzen für die Landwirtschaft eintreten, dafür bürge schon sein Name, dessen Träger seit Jahrhunderten die deutsche Scholle gebaut hätten. — Seit jener Rede sind nun fünf Jahre vergangen, und alljährlich hat der Reichskanzler die Gelegenheit des Festmahls des Landwirtschaftsrats benutzt, sich in demselben Sinne als Freund und Förderer der Landwirtschaft zu bekennen und damit zugleich einen Einfluß auf diese Kreise zu gewinnen.
Die Aufnahme, die seine Rede diesesmal in der Festversammlnng selbst fand, war eine viel begeistertere, als aus der am Montag von der Generalversammlung des Bundes der Landwirte cmgenommnen Resolution herauszulesen ist, aus der das „Vertrauen" zur Regierung nur tropfenweis träufelt. Aber ein Agitationsverein kann deu Sprung von einem Extrem in das andre nicht so glatt ausführen, nnd bei der entschiednen Stellung gegen die Neichserbschnftssteuer mußte natürlich auch das „Vertrauensvotum" eine entsprechende Einschränkung erfahren.
Den Kampf zugleich mit den Sozialdemokraten und mit den Konservativen zu führen, ist für keine Regierung in Preußen und in Deutschland möglich. Das Anwachsen der Sozialdemokratie mußte den Friedensschluß um so mehr fördern, als auch die Konservativen in dem Anwachsen ihrer erbittertsten Gegner ein äisoits monitil zu sehen hatten. Erleichtert aber wurde die Annäherung dadurch, daß sie auf dem Boden des deutschen Landwirtschaftsrats erfolgen konnte, wo die spezifisch preußischen Verstimmungen nicht überwogen. Die verflossenen fünf Jahre haben erwiesen, daß diese Taktik richtig war, und wenn der Reichskanzler jetzt in diesem Kreise die Landwirtschaft zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie aufrief und den Bauernstand als das festeste Bollwerk in einem solchen Kampfe bezeichnete, so