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Im Lande des Kondors : Plaudereien aus Chile :
(Fortsetzung)
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Mein Freund Prospcro

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Andersgläubige, toleranter jedenfalls als in Europa. Daß der katholische Priester beim Protestanten kauft, zu einem als Freimaurer bekannten Geschäfts­mann geht, ist so natürlich, daß sich kein Mensch darüber aufhält. Auch die in manchen Ländern so widerliche Judenfrage existiert in Chile nicht. Bis heute ist Chile glücklicherweise im großen und ganzen von konfessionellem Hader und Rassenstreit verschont geblieben, wenn auch im Süden der Republik in frühern Jahren durch fremde Heißsporne, leider deutscher Herkunft, konfessionelle Unruhen hervorgerufen worden sind. Wenn sich auch die Kirche im chilenischen Volksleben, besonders bei der chilenischen Frau, eines großen Einflusses erfreut, und wenn sie sich auch hier und da in Chile, allerdings nur in bescheidner Weise, in den Dienst der Humanität und der Bildung stellt, kann ihr trotz alledem der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie sich, entgegen ihrer eigent­lichen Aufgabe, zu sehr an der das ganze öffentliche Leben beherrschenden und zersetzenden Politik beteiligt. Sie arbeitet im Lande des Kondors an dessen allgemeinem Niedergange mit. Ob dies wohl anders wird? Ob Chiles Volk überhaupt wieder den Weg zurück zu gesunder Entwicklung findet, den es einst so erfolgreich beschritten hatte? Huisn sabs!

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Mein Freund prospero

von Henry Harland (Forlsetzung)

ber leben wir denn nur zu unsrer Unterhaltung auf dieser Erde? predigte Maria Dolores anmutig, während Johns Augen etwas mutwillig lachten, und er es hart empfand, daß er ihre rosenroten Lippen nicht mit seinen Küssen schließen und zum Schweigen bringen durfte. Sind wir nicht vielmehr dazu da, uns wie der altväterische Ausdruck lautet nützlich zu macheu in der Welt? Übrigens werden Sie jetzt, wo Sie lieben, doch auch nicht wie ein Schwächling sitzen bleiben und erklären: Ich bin zu arm, heiraten zu können! und so auf Ihre Liebe ver­zichten verzichten allerdings, wie Ihr Freund Winthorpe entsagt hat nur aus unedeln statt aus edeln Beweggründen. Ganz sicher werden Sie sich fest und entschlossen ans Werk machen und Geld zu verdienen suchen, damit Sie Ihre Heirat ermöglichen können, andernfalls wäre Ihre Liebe eine sehr armselige Sache. Und dabei öffneten sich ihre entzückenden kleinen Hände, die sich nach Johns Ansicht wie weiße Lilien von dem blaßgrünen Stoffe ihres Kleides abhoben, Keßen einen Augenblick die rosigen Handflächen sehen und falteten sich darauf wieder ihrem Schoß.

Er lachte. Du bist köstlich, sagte er in Gedanken inbrünstig zu ihr, wtthreud er laut nur äußerte: Meine Liebe ist schon recht. Ich liebe so innig und heiß, wie ein sterblicher Mann nur lieben kann. Ich liebe sie leidenschaftlich, zärtlich mit Verehrung und mit Verlangen, ich liebe sie mit Staunen, mit Seufzen und mit Lachen. Ich liebe sie mit allem, was ich bin und habe. Und für das eine stehe ich in Winthorpes Schuld, er hat mir unwissentlich die Augen geöffnet über meinen eignen Zustand. Aber Geld verdienen? Ich habe eine Ahnung, daß das mit Schwierigkeiten verknüpft wäre. Was könnte ich denn tun?

Grenzboten I 1906 S1