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Im Lande des Kondors
So wird die Dichtung zur Erlösung von Druck und Spannung für den Dichter selbst und für uns zur Offenbarung dessen, was in Duft uud Dämmer in nnsrer Seele schlummerte. Poesie ist Lebens- und Ewigkeitsspiegeluug zugleich, sie ist Welterklärung im Zauber der Sprache und im Lichte des tiefbewegten GeMÜts. cm r
v Wer ihre Sttmme nicht vernimmt,
Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei.
Im Lande des Kondors
Plaudereien aus Chile von Albert Daiber
(Fortsetzung)
im schöner Zug im chilenischen Volksleben ist der große Familiensinn der Leute. Zwar ist er übertrieben groß und unterstützt dadurch die Liederlichkeit, aber trotzdem besser so als gar nicht. Kein Chilene läßt einen andern ihm nahestehenden, einen Ver- ' wandten fallen, so lange er es nur irgendwie vermag. Mit Kind und Kegel ziehn die Verwandten zu dem Familiengliede, das noch etwas besitzt. Da werden sie ohne Widerrede unterhalten, so lange noch etwas vorhanden ist, und ist alles ausgeplündert, so ziehn sie weiter zu einem andern. Dieser Sinn der gegenseitigen Hilfe nnd Unterstützung tritt oft ganz besonders rührend bei den Armen hervor. Keiner weist den andern von der Tür, sei er ihm auch noch so fremd. Etwas zu essen findet der Hungrige überall; auch ein Nachtlager, wenn auch noch so primitiv, wird dem Bittenden gewährt. Oft genug allerdings wird diese weitgehende Gastfreundschaft ausgenutzt und übel vergolten. Aus dem Gaste wird oftmals der Wolf, der über seinen ahnungslosen Wirt herfällt. Eine große Vaterlandsliebe zeichnet das ganze Volk ohne Unterschied des Standes aus. Wie beschämend ist es für uns, offen eingestehn zu müssen, daß wir Deutschen hierin sowohl wie in der gegenseitigen Hilfeleistung und Unterstützung von den Chilenen nur lernen können. Ein militärischer Geist durchzieht die ganze Nation. Daß sie tapfer und todesmutig ist, hat sie mehr als einmal bewiesen. Schlimm bestellt aber ist es mit der allgemeinen Volksbildung. Wohl haben frühere Regierungen in dieser Beziehung viel geleistet. Lyceen und Volksschulen bestehn in den meisten größern Städten und werden auch vom Volke bis zu einem gewissen Grade fleißig besucht, obwohl es keinen Schulzwang gibt. Die Lehrkräfte, unter denen viele Ausländer sind, müssen als gut angesehen werden. Der Unterricht, auch der iu den höchsten Lehranstalten des Landes, ist frei. Einzelne Schulen sind, was die Baueinrichtung anlangt, tadellos, die meisten der Volksschulhüuser sind jedoch höchst primitiv. Doch da sieht es ja auch im lieben Vaterlande noch hier und da recht dürftig aus. Trotz der reichen Gelegenheit zur Bildung aber ist in den Städten, sogar in den bessern Kreisen, noch eine gewaltige Unwissenheit, besonders auf dem Gebiete der Hygiene vorherrschend. Ich will hierüber