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Ein deutscher Orientalist
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Gin deutscher Grientalist

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äre es schon zu spät, Friedrich Spiegels zu gedenken, der Mitte Dezember 1905 in München, fünfundachtzig Jahre alt, gestorben -ist? Ich glaube: nein. Denn der Tod eines hochverdienten Gelehrten, der seinem Volke zum Ruhm gereichte, ist bei uns nicht etwas so aktuelles wie eine Parteiversammlung von Radi­kalen, ein Zank zwischen hinausgeworfuen Redakteuren und einer Parteileitung, eine Vorführung ans dem Gebiete der Technik, eine Gründung von Säuglings­heimen, Gerichtsverhandlungen über Kindesunterschiebung, Alarmartikel über Massenmord durch schlecht abgekochte Milch und dergleichen mehr. Über einen Gelehrten braucht nicht brühwarm berichtet zu werden, kaum daß er kalt ge­worden ist, besonders wenn er der Politik fern stand. Auch gehören nicht alle Gelehrten zu den bevorzugten Menschen, deren Nekrolog weislich vorrätig gehalten wird. Nur bei einigen ists so, wie angeblich mitunter auch bei Fürsten, für die ein den Ereignissen um Jahre voraus eilendes Manifest in stilistischer Abrnnduug vorgesehen ist, das mit dem frischen Schmerz über das Abscheiden des Negierungsvorgängers die Mitteilung der Gefühle verbindet, die den Nachfolger für die Untertanen beseelen.

Friedrich Spiegel, der den größten Teil seines Lebens in Erlangen Pro­fessor war, verdient in mehr als einer Hinsicht, daß man seiner ehrerbietig nnd dankbar gedenkt. Nicht darum kann es sich handeln, seine Arbeiten auf­zuzählen, auch von denen abgesehen, die in Zeitschriften veröffentlicht worden sind. Ihre stattliche Reihe könnte freilich schon Bewunderung erregen. Aber wie wir die Leute nicht bloß nach der Zahl ihrer Kinder einschätzen, obgleich wir eine verzweifelte Neigung haben, ans allen Gebieten den Triumph der bloßen Masse gelten zu lassen, so einen Gelehrten nicht bloß nach der Zahl seiner Werke, oder gar danach, daß er die Eigenheit hat, sich immer oder mit Vorliebe gleich in zwei dicken Bünden zu geben, darin dem Berliner Ecken­steher Nante Strnmpf ähnlich, der erklärte: Wir Strümpfe kommen immer paarweise auf die Welt. Spiegels Bedeutung liegt, von seinem unverdrossenen, gründlichen Fleiß abgesehen, darin, daß er zu den Forschern gehörte, die ihr Gebiet ganz beherrschen, von der Oberfläche bis in die Tiefe, und daß er den Zusammenhang seines Gebiets mit mannigfaltigen Nachbargebieten nie unberück­sichtigt ließ. Endlich sind die von ihm behandelten Fragen noch hente lebendig. Der Grund davon ist nicht darin zu suchen, daß es ihm an Wissen, Tiefe und Scharfsinn gefehlt Hütte, sondern darin, daß diese Fragen allmählich mit neuen Mitteln angegriffen werden.

Etwa 1841, also mit einundzwanzig Jahren, trat er mit einer großem Arbeit auf den Plan, der eine lange Reihe folgen sollte, wie die Könige aus