Im Lande des Kondors
Plaudereien aus Chile von Albert Daibcr
5. In der chilenischen (Lordillera ctrachtet man die Karte von Südamerika, so fällt dem Beschauer sofort der eingezeichnete Gebirgszug auf, der den Kontinent in seiner ganzen Länge von Nord nach Süd fast parallel mit der Küste gegen den Großen Ozean hin durchzieht. Am zehnten Grade nördlicher Breite beginnt dieser große gewaltige Damm, der, vertikal gegliedert, eine Länge von nahezu tausend deutschen Meilen hat und sein Ende am Kap Horn findet, der fjordreichen Südspitze Südamerikas. Alle Klimate, vom tropischen zum subtropischen, gemäßigten und antarktischen, weist dieses riesige Kettengebirge auf. In seinem Bau sowohl als auch in seinem Namen zeigt es eine gewisse Einheit. Cordillera de los Andes ist der Name des Gebirgszuges. Cordillera ist das spanische Wort für Gebirgskette; das Wort Andes entstammt dem altperuanischen Namen Antis. Den ewigen Gesetzen der Bewegung, des Wechsels, der Veränderung ist auch die Cordillera gleich allen andern Bodenerhebungen unsers Planeten unterworfen. Sonnenlicht und Sonnenbestrahlung, Wärme mit darauffolgender starker Abkühlung, Wind, Wetter und Niederschlüge nagen seit Äonen an dem Banwerke der Anden, es langsam, fast nnmerklich, aber um so sichrer umformend und abtragend. Die Schichtung und der kristallinische Schiefer sind die Eigentümlichkeit im Bau der Cordillera. Die Schiefer selbst deuten auf eine verhältnismäßig junge Ablagerung. Bis heute noch sind die Meinungen über die Entstehung dieser kristallinischen Bildungen geteilt. Die beiden Ansichten hierüber, die von einer ursprünglichen kristallinischen Ausbildung und die von einer spätern Metamorphose, stehn sich noch heute schroff gegenüber. Die Vulknnzone in der Cordillera ist bedeutend, am mächtigsten entwickelt aber in der chilenischen Cordillera. Über dreißig Eruptionskegel tragt diese allein zwischen dem 30. Grad 5 Minuten und dem 43. Grad 50 Minuten südlicher Breite. Der Aconcagua, dessen vulkanische Natnr durch den deutschen Forscher Güßfeldt endgiltig festgestellt worden ist, erhebt sich über 7000 Meter hoch uud ist somit der höchste Vulkan der Erde. Ob dieser Niesenkegel noch aktiv ist? Diese Frage kann heute weder bejaht noch verneint werden. Tatsache ist, daß er aus Eruptivgestein besteht, und wir wollen wünschen, daß die in ihm schlummernden vulkanischen Kräfte für immer weiter schlummern. Zeitweise tätig dafür sind die Vulkane des südlichen Chiles.
Durch Erdbeben wird Chile oft und viel heimgesucht. Glücklicherweise ist der Schaden meist sehr gering. Schlimmer dagegen ist die Panik, die sich der meisten Leute bemächtigt, wenn die Erde, das Sinnbild des Starren, Unbeweg-