Bedrängnisse und Erfolge des Deutschtums
in den Gstseeprovinzen Rußlands
as ist ein Verlorner Posten! so wurde vor kaum einem Jahre noch allgemein in den nicht eben zahlreichen Kreisen Deutschlands, in denen mau eiu nationales Mitempfinden mit dem Geschick der baltischen Deutschen antreffen kann, gesprochen, wenn auf diese älteste deutsche Kolonie, die nun schon ins achte Jahrhundert eingetreten ist, die Rede kam.*) Es ist kein Wunder, daß dieser Pessimismus herrschte, da man in Livland selbst nicht anders dachte. Es kann heute zugestanden werden, daß man auch iu baltisch-deutschen Kreisen vielfach der Überzeugung war, der Russifizierung und dem Andrang der lettisch-estmschcn Nut gegenüber könne das Ende wohl noch hinnusgeschobeu, aber nicht abgewandt werden. Ohne einen Sonneublick lag die Zukunft vor uns. Die Russifizierung hatte deu Balte« fast alle Existeuzmöglichkeiten unterbunden. Sie. die bisher dank ihrer Überlegenheit in der Kultur und ihrer geschichtlich begründeten Vorherrschaft die Politik des Landes in den Landtagen und den Kommunalverwaltungeu geleitet und das überwiegende Material für die Beamtenschaft gestellt hatten, die iu der Universität Dorpat eure deutsche Hochschule ersten Ranges gehabt uud sich in einem ausgebreiteten deutschen Schulwesen die Grundlage gedeihlicher Jugeuderziehung geschaffen hatten, sahen sich durch die demokratisch - chmwiuistische Regierung Alexanders des Dritten mit einem Schlage entrechtet, politisch, national und in ihrem evangelischen Bekenntnis den schwersten Augriffen ausgesetzt. Dorpat wurde zu einer kümmerlichen russischen Universität Jurjew. die vou Balteu und M^en gemieden, fast nur als Strafuniversität durch die ZulasN"'g w'i Zoglmg griechisch-geistlicher Seminare gefüllt werden kouute. Das lüuhende deutsch. Schulwesen wnrde vernichtet, die Städte wnrdcn durch ein eigens dazu geschaffnes Gesetz gezwungen, ihre Gymnasien und die ander.. Mittelschule., wie das ganze Elementarschulwesen selbst zu russifiziereu. Die baltischen N.tterschaften schloffen
'^Durch die Ereignisse der letzten Wochen ist dieser aus Rußland st"^'de AMel teilweise überhott worden. Er erscheint uns jedoch für die Beurteilung der V°rgoschu^ lu'ionären Bewegung in den Ostseeproninzen so wertvoll, doß w.r chn tnU)d°.n ^ch^rmgen.
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Grenzboten I 190»