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Maßgebliches und Unmaßgebliches
„nur" einer der Zivilisation liegt. Also der Schönheitswert einer griechischen Lampe und der Nutzen des elektrischen Lichts sind, was man in der Mathematik inkommensurable Größen zu nennen Pflegt. Und ebenso steht es mit dem humanistischen Bildungsideal und dem amerikanischen Jndustrialismus. Wirtschaftliche Interessen sind stärker als Kunst und Eleganz. Von dem einen lebt man, und mit dem andern kann man leben. Es ist doch auch weder gerecht noch praktisch richtig, wenn der Verfasser dort nur den gerissenen Uankee und hier nur den Deutschen von hellenischer Bildung sieht. Und er unterschätzt das amerikanische Unterrichtswesen, von dem wir noch viel werden lernen müssen. Die reichlich hundert Jahre, seit in den deutschen Schulen wirklich Griechisch gelernt worden ist, haben uns sicherlich gut getan, aber der gegenwärtige Zustand, wo die Gymnasiallehrer den Segen der klassischen Erziehung verkünden, die Schüler abfallen und Nachhilfestunden nehmen, und die Eltern senfzen, zeigt doch deutlich genug, daß der alte Apparat nicht mehr gut arbeitet. Germanus ist ein geistreicher, lebendiger Unterhalter, nur sollte er nicht, drucken lassen: „Humanität ist die Note Tolstoi, Kultur ist die Note Nietzsche," denn das ist, mit Verlaub, Unsinn, oder solche Ansichten wie die, daß bei uns in Deutschland den Maler Leibl jedes Dienstmädchen kenne, denn das werden nicht einmal unsre Kunsterzieher behaupten. Wir sind seinen DissolvinK visws mit lebhaftem Interesse gefolgt, aber für unsre Lebensführung wüßten wir keine Folgerung daraus zu ziehen.
Die Liebe als Leitstern.'") Ein eigentümlich schönes Buch, das ich mit stiller Freude gelesen habe. Es bringt einen Briefwechsel zwischen Vater und Sohn. Der Sohn ist am Ende seiner Studien, zugleich am Ende seines religiösen Glaubens, er hat Gott verloren und glaubt auch an seinen sittlichen Bestrebungen und den Idealen, die einst seine Seele erfüllten, Schaden gelitten zu haben. In dieser Not wendet er sich an seinen Vater und sucht bei ihm Hilfe. Dieser versucht es auch, zu helfen, und er geht von dem einzig festen Punkt in dem Seelenleben seines Sohnes aus, von dessen Glauben an die lautere und reine Liebe seines alten Vaters. Von hier aus versucht er es, seinem Kinde die Tore der Gotteserkenntnis wieder zu eröffnen. Wie das nun geschieht, das muß man in dem Buche selbst nachlesen. Es ist ein schön geschriebnes Werk, voll feiner Gedanken und voll herzlicher Empfindung, das man jedenfalls nicht ohne Gewinn lesen wird. Ob freilich die Beweisführung anch den Leser in derselben Weise überzeugen wird wie den Sohn, der unmittelbar unter dem Eindruck einer treuen und hingebenden Liebe steht, das weiß ich nicht. Es wird auch nicht schaden, daß der Leser noch zweifelnd bleibt, während der Sohn schon überzeugt ist. Ich habe gefunden, daß beim stillen Lesen des Buchs von Brief zu Brief der eignen Gedanken mehr werden und daß das Buch zum Weiterdenken und zum Ausklingenlassen der angeschlagnen Töne drängt.
So glaube ich das Buch empfehlen zu dürfen. Besonders wo sich etwa ein Vater in ähnlicher Lage seinen heranwachsenden Kindern gegenüber weiß, die er eine andre Richtung einschlagen sieht, als ihm lieb ist, da wird dieses Buch vielleicht als guter Freund aufgenommen werden, und den Weg zeigen, sich mit dem Teuersten auf Erden wieder zusammenzufinden: die Liebe als Leitstern. s.
Berichtigung. Auf Seite 562 des vorjährigen vierten Bandes der Grenzboten haben wir den Lesern Ralph Waldo Trine als Frau vorgestellt. Das ist er nicht, sondern ein wirklicher „er." Unser Irrtum rührt, wie uns ein Kenner des Originals mitteilt, von einen, Schnitzer des Übersetzers her, der nsrs I s, wonum mit „ich als Frau" wiedergegeben hat.
Ernst Gollnow, Die Liebe als Leitstern zur Lösung der Welträtsel. Leipzig, Deichcrt, Mark, gebunden 3,75 Mark.
Herausgegeben von Johannes Grunow in Leipzig Verlag von Fr. Wilh. Grunow in Leipzig — Druck von Karl Marquart m Leipzig