Zur Konfessionslage in Deutschland
von einem süddeutschen evangelischen Geistlichen
er in unsern Tagen über die Lage der Konfessionen, über konfessionelle Polemik oder gar über den konfessionellen Frieden redet oder schreibt, der befaßt sich mit einer ebenso mißlichen wie undankbaren Aufgabe. Mag er auch jedes Wort auf die Goldwage legen und so vorsichtig wie möglich vorgehn, so erreicht er bei dem Gegner meist gar nichts; denn dieser zieht entweder die ihm mißfälligen Außernngen hervor, um sich an dem Redner zu reiben und ihn der Unfähigkeit und Unduldsamkeit zu zeihen, oder der Friedensfreund wird als Kronzeuge für Anschauungen in Anspruch genommen, die ihm völlig fremd sind, und deren Verteidigung ihm nicht im Traum eingefallen ist. Aber auch im eignen Lager stößt er auf nichts als Undank, auf Verkennung und Feindschaft; er wird verdächtigt als Verräter, als Streber, als charakterloser Schwächling, er wird beschimpft als ein Vogel, der sein eignes Netz beschmutze.
" Unter solchen Verhältnissen gehört schon ein besondrer Mut dazu, ein Thema M berühren, dessen Ausführung mit ebensoviel Widerwärtigkeiten wie Schwierigkeiten verbunden ist. Wenn wir im nachfolgenden gleichwohl den Versuch lvcigen, so geschieht dies darum, daß wir den Konfessionshader in Deutschland nachgerade fiir ein natiouales Unglück halten und mit dieser Nunahme nicht allein stehn. Es ist eine alte Erfahrung, daß wer einem hohen Ziel nachstrebt, der öffentlichen Meinung auch einmal muß Widerstand leisten können. Mag diese "ns hochheben, mag sie uns in den Staub zerreu, was kümmert es uus? Wer ^Uie gute Sache vertritt, der darf sich daraus nicht viel machen. Zuletzt wird stch doch die Erkenntnis Bahn brechen, daß die auf die Spitze getriebnen konfessionellen Gegensätze die wichtigsten nationalen und wirtschaftlichen Interessen ''Ur schädigen können, nnd daß der konfessionelle Friede ein unabweisbares Bc- ^rfnis unsrer Zeit ist. Noch läßt freilich die Hochflut konfessioneller Leiden- ^aft andre Strömungen, die auf gegenseitiges Sichverstehn und Sichvertragen hindrängen, nicht aufkommen. Aber gut Ding will ja manchmal Weile haben Zum Fertigwerdeu, zur Ausreifung. Das deutsche Volk hat im großen und im ^uzen keiuc Freude an dem konfessionellen Gezänk. Es weiß aus seiner Ver- Grenzboten II 190S 37