Herrenmenschen
Roman von Fritz Anders (Max Allihn) (Fortsetzung)
ls der Doktor und Schwechting in dns Künstlerheim eintraten, fanden sie Staffelsteiger, der im Kalten vor einem Karton saß, auf den er mit Kohle und dem Wischer Hieroglyphen genialt hatte. Er war in tiefe Gedanken versunken, und die Fühlhörner seiner Seele tasteten vermutlich nach den Geheimnissen seines innersten Innern. Schwechting brachte erst einmal das Jener im Ofen in Gang und betrachtete dann das Bild. — Was soll denn das werden? fragte er, ein Bergrutsch oder eiue Seeschlacht? Staffelsteiger, machen Sie doch erst einmal eine solide Naturstndie, ehe Sie anfangen, Ihre innern Schätze herausznhaspeln.
Meine Bilder, erwiderte Staffelsteiger dumpf, sind nicht Knechte, die man rnfen oder wegschicken kann. Sie sind ein Glück nnd eine Qnellung. Sie dienen keinem Zwecke. Die wahre Kunst ist zwecklos. Freiheit und Ruhe, Angst und Hingebung weht durch unser Tun. Ein Sieg der Wallnng zum Lichte. Ein grenzenloses Verachten dieser verlognen Welt. Ein Niedertreten der Gebäude der herrschsüchtigen Unfähigkeit mit wunden Füßen. Ein Fcmstschlag für die Verächter der ahnungsvollen Schönheit.
Hottsdonnerwetter, sagte Schwechting, dns ist ja das reine Polizeidentsch. Der arme Kerl, fügte er zu Rnmborn gewandt hinzu, wird nicht eher vernünftig werden, als bis er eine Frau hat, die ihn fett füttert und sich weitere Dummheiten verbittet.
Die Versammlungen bei Kvndrot nahmen bald ein Ende. Die See war zugefroren, und die Winterfischerei begann. In dieser Zeit konnte man Schwechting manche Stunde in der Schmiede arbeiten sehen. Er baute etwas, was aussah wie eiue Lokomotive auf Schlittenkufen. Die Maschine bestand aus einein eisernen Topfe größten Formats und einem Kohlenofen mit Schornstein, der einst auf einem Kutter Dienste getan hatte. Wolf und der Herr Kandidat sahen eifrig zu und berichteten Tantchen von dem Fortschritte der Arbeit, und Tantchen lobte das Unternehmen und nannte es ein christlich Werk.
Als die Fischerei im Gange war und die Jusen, das heißt Baumzweige, die die Wege über das Eis bezeichnen, ausgestellt waren, rüsteten auch der Doktor und Tantchen ihren Schlitten, um den Fischern ihren Besuch zu machen. Es war Winter, ordentlicher ostprenßischer Winter geworden. Schnee war gefallen, und ein scharfer russischer Wind hatte ihn über Land und Eis durch alle Ritzen gejagt. Die Pelze hatten ihre Herrschaft angetreten, und der heiße Pnnsch — ein Getränk, das weit von dem entfernt war, was der gebildete Europäer unter diesen: Namen versteht — spielte seine Rolle. Die Fischerboote lagen am Strande, das eine auf dem rechten, das andre auf dem linken Ohre, hatten ihre Schneedecken bis über die Nase gezogen nnd träumten „von Lenz und Liebe." Es herrschte eiu leichter Frostdunst. Nach der See zu sah die Welt wie unfertig aus. Sie war ein weißes Blatt Papier, das keine Linie und keine Grenze zwischen Himmel nnd Erde zeigt.
Tantchen und der Doktor fuhren in diese grenzenlose Natur im Schlitten hinaus. Man fuhr eine Stnnde und darüber, ehe man ans Ziel kam. Schon von weitem hörte man ein Hämmern, wie wenn Holz auf Holz geschlagen würde.