Nie Entwicklung der Familie als soziologisches Problem 411
bis zum kleinsten Dvrfwucherer vertreten sein, an die Spitze der Verwaltung aber soll S. I. Witte, dieser Bannerträger der kapitalistischen Entwicklung, als Ministerpräsident treten. Sollte wirklich der Ehrgeiz beim Zaren nicht wieder wach werden, eine weltbeherrschende Flotte, die größte Armee des Kontinents zu haben? Sollte sich der große Finanztechniker Witte wirklich nicht verleiten lassen, mit Hilfe aller der Kapitalisten im Abgeordnetenhause uoch einmal den Exhaustor an den Leib des geduldig leidenden Volkes zu setzeu, um uun das letzte Goldstünbchen aus seinen Organen zu ziehn? Der Mensch ist ja nur zu leicht geneigt, auch die schmerzlichsten der ihm von: Geschick erteilten Lehren zu vergessen! Werden die zur politischen Unmündigkeit verdammten Klassen, die unbemittelte Intelligenz, das dritte Element und die organisierten Fabrikarbeiter die Schande auf sich sitzen lassen wollen, als politische Verbrecher gelten zu müssen, weil sie dasselbe zn tun wünschen, was den andern Klassen erlaubt ist?
Unendlich ist die Reihe der Fragezeichen. Solange wir nicht die feierliche Verkündnng der Nnantastbarkeit der Person und der Freiheit der Presse, in der auch die politisch entrechteten Kreise zu Worte kommen könnten, von der Höhe des Thrones herab gehört haben, so lange bleibt uus die Zukunft Rußlands eiu Rätsel. Sollte dagegen der Zar die beiden Grundrechte dem Volke schenken, dann könnten wir mit den Slawophilen sagen: „Das Gesetz vom 6. (19.) August 1905 ist die weise Tat eines mutigen Mannes."
Die Entwicklung der Familie als soziologisches Problem
von Leopold von Wiese
S»s-sA^z ettN sich Neues gestalten will, geht ihm allemal ein Zustand Verwirrung und Unordnung voraus. Es scheinen die ^sichern Gruudlageu alles Werdens und Gedeihens ins Wanken zu geraten, und die Welle der Ereignisse spült ueben dem Großen, Idem noch gänzlich das Gewand der Form fehlt, Unreifes, Haltloses und Kleinliches empor. Auch in der Entwicklung der Wissenschaften ist es nicht anders. Zunächst macht sich ein starkes Bedürfnis nach Erweiterung der Ertcnutnismöglichkeiten geltend. So geschah es auch in den letzten Jahrzehnten: die uralte Philosophie, die Königin mit den — wie manche meinten — schon allzumatten Augeu, die ius Unendliche der Metaphysik gerichtet waren, hntte stark an Einfluß gegenüber den sich üppig entfaltenden Naturwissenschaften eingebüßt. Die exakte Forschung, die das Mikroskop und die Retorte zn handhaben verstand, hatte den Vorzug, der dem Experiment innewohnt; man konnte es sehen uud greifen, was sie lehrte. Hatte die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts durch den Mund Kants besonders in der Lehre von der Idealität
*) Interessenten finden eine nähere Begründung zu dem letzten Abschnitt in dein „Nachwort" zn meinem Aufsatz in Nr. 37 der Grenzboteu.