Junge Herzen
Erzählung von Lhristoxher Boeck (Forlsetzung)
26. Die geheime Aammer
nfang Juli war Großmutter genesen, aber sie hatte noch keine Lust, aufzustehu, womit Holmsted sehr unzufrieden war, weil er meinte, daß das lange Liegen zu sehr an ihren Kräften zehre. Niemand wußte jedoch, daß sie in den letzten vierzehn Tagen aufgestanden war, wenn die andern zu Bett gingen, und sich zur Ruhe gelegt hatte, wenn die andern aufstanden. Sie hatte viel zu tun in dieser Zeit. Sie sah alle ihre Kleider nach, ordnete ihre Papiere, saß in den hellen Nächten lange da und sah nach dem Walde hinüber, bis die Sonne aufging, und die Vögel sie mit ihrem Gesang begrüßten. Zuweilen schlich sie sogar auf ihren weichen Filzschuhen auf den Boden hinaus, wo sie auf und nieder ging.
Eines Morgens erklärte der Apotheker am Teetisch, es läge ein Gewitter in der Luft, der Barometer sei gefallen.
Frau Lönberg und Desideria sahen sehr gereizt aus. Helene war still und blaß.
Es lag über den Schulstunden dieses Tages eine eigentümliche Stimmung, deren sie sich später oft erinnerte. Wie im Gefühl des herannahenden Gewitters rückten die Kinder so nahe wie nur möglich an sie heran.
Sie ließ die Sache heute der Wärme halber sehr sachte cmgehn, schließlich wurde die Luft aber so drückend, daß sie den Unterricht schloß. Sie gingen zu Großmutter hinüber. Wie sie es häufig taten, lasen die Kinder abwechselnd ein Märchen vor. Heute hieß es: „Die geheime Kammer."
Als Großmutter wieder allein war, sagte sie vor sich hin: Ich glaube, jetzt tut sie sich bald auf!
Da trat Holmsted ein. Er blieb auffallend lange, sah unruhig lauschend nach der Tür und ging dann plötzlich.
Ganz recht: Helene hatte eben drüben die Tür geöffnet und war ans den Boden herausgetreten.
Ein Gedanke hatte sie in der letzten Zeit Tag und Nacht verfolgt: War nicht im Grunde Holmsted schuld an der unangenehmen Lage, in die sie geraten war? Als sie ihn jetzt sah, grüßte sie ihn und wollte die Treppe hiuuntcrgehu, aber ein energisches: Fräulein Rörby! hielt sie zurück, obwohl sie die Hcmd schon auf das Treppengeländer gelegt hatte.
Mit gedämpfter Stimme sagte er: Ich muß als Arzt mit Ihnen sprechen; Großmutter hat mich uicht geradezu darum gebeten, aber sie hat mir doch zu versteh» gegeben, daß Sie einen nervösen, gequälten Eindruck machten. Und ich kann «s ja selbst sehen. Wenn Sie meinen Rat befolgen wollen —
Er dämpfte seine Stimme zu einen, kaum hörbaren Flüstern.
Unten au der Treppe wurde die Tür geöffnet, ohne daß die Obenstehendeu es bemerkten.
— so reisen Sie, sobald wie möglich, eine Luftveränderung wird Jhncn gut tun!
Äre»zboten IV 1903 21