Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
107
Einzelbild herunterladen
 

Maßgebliches und Unmaßgebliches

107

Maßgebliches und Unmaßgebliches

Reichsspiegel. Der Abgeordnete Müller-Meiningen hat sich bewogen gefühlt, dem freisinnigen Parteitage in Wiesbaden seine Meinung über die deutsche aus­wärtige Politik vorzutragen, und die Frankfurter Zeitung hat ihm den Dienst ge­leistet, diese Rede auf ein Piedestal zustellen, damit sie der Mitwelt nicht verloren gehe. Die Frankfurterin selbst ist dabei der Ansicht:Eine den Parteitagen der letzten Woche gemeinsame Erscheinung war das lebhafte Interesse für die aus­wärtige Politik, das Mißtrauen in die Haltung oder in das Geschick (sie) der leitenden Kreise und die starke Betonung der Friedenslust des Volkes; man will mit England ebenso ein gutes Verhältnis, wie man es nicht begreifen könnte, wenn wegen des bißchen Marokko ein Konflikt zwischen Frankreich und Deutschland ent­stünde." Dieses solchergestalt bekundete Mißtrauen der Frankfurter Zeitung in die Leitung der deutschen Politik ist freilich um so auffälliger, als sie in Berlin be­kanntlich über einen der bestiufvrmierten Korrespondenten verfügt, wie deren der deutschen und der ausländischen Presse in Berlin nur sehr wenig znr Verfügung stehn, vou dem sie wohl auch über die Spannungen mit England ebenso wie über dasbißchen Marokko" sorgfältig und korrekt auf dem laufenden gehalten wordeu ist. Die Parteitageder letzten Woche" waren doch nur die Jenenser Blamage der Sozialdemokratie und die vergnügliche Zusammenkunft der Freisinnigen im Rheingau. Ob die Frankfurterin den Freisinnigen eine Ehre erweist, wenn sie diese mit den Sozialdemokraten in eine Kategorie bringt und ihre politische Weis­heit mit den sozialdemokratischen Verrücktheiten in einen Topf wirft?

Herr Müller meinte, die englischen Verhältnisse seien geradezu ein typisches Beispiel dafür, was eine fanatische und kurzsichtige Presse in der auswärtigen Politik sündigen könne.Die großen Massen des Volks wollen weder in England noch in Deutschland etwas vou diesen blödeu Hetzereien wisseu. In England sitzt der von der Presse künstlich aufgestachelte Haß in einem Teile des politisch völlig ver­hetzten Kleinbürgertums."

Hierin irrt Herr Müller wieder einmal, wie er sich leider in so vielen Dingen zu irren pflegt. Die großen Massen sind in England ausgesprochen antideutsch, antideutsch ist die Stimmung der Arbeiter gegen ihre in England arbeitenden deutschen Berufsgenossen, die der Handlungsgehilfen gegen ihre deutschen Kollegen usw. Das U^clg m Soi-mao,? war doch auch nicht etwa aus einem Wohlwollen gegen Deutschland, und keineswegs aus deu Kreisen des Kleinbürgertums, der Gevatter Schneider und Handschuhmacher, hervorgegangen, sondern aus den Kreisen der englischen Exportindustrie; die Bewegung reichte weit nach Indien, Kanada und Australien hinein und strömte von dort in das Mutterland zurück.Den Kreisen des Kleinbürgertums" gehört doch auch wohl der bekcmute Seelord Mr. Lee nicht an, auch nicht den Kreisen, die sich von der Presse in einen künstlichen Haß hinein­hetzen lassen, ebensowenig der Admiral Fisher, die Seele der gegen Deutschland gerichteten Neuorganisation der englischen Flotte. Jenen Kreisen gehört auch der Hof nicht an, dessen Verhalten bei der Vermahlung des deutschen Kronprinzen so allgemein aufgefallen ist. Auch irrt der sonst so allwissende Abgeordnete Müller i» der Annahme, daß die englische Presse, gleich der deutschen freisinnigen und der sozialdemokratischen, ihr Publikum jahrelang künstlich in einen Haß hineinhetzen könnte. Der Engländer, der ja freilich von den andern europäischen Völkern oft recht wenig weiß und das Wenige nur aus seinen Zeitungen, pflegt sich doch in sehr viel höherm Maße, als die deutschen Zeitungsleser es im allgemeinen tun, seine Meinung selbständig und unabhängig zu bilden.

Es ist einmal das Wort gesprochen worden: In England schreibt sich das Publikum seine Zeitung selbst. Das ist bis zu einem gewissen Grade auch heute noch richtig. Kein Editor im Vereinigten Königreich könnte es wagen, seinen Lesern jahrein jahraus Verdächtigungen aller Art gegen Deutschland vorzusetzen, wenn er Grenzboten IV 1905 15