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Junge Herzen
dreiundvierzig Jahren — ins Privatleben zurückzuziehn und in seiner Villa auf dem Quirinal ganz seiner ersten Liebe, der Mnse der Geschichte, zu leben.
Konnte er ahnen, daß einst aus den Weinbergen und Feldern da drüben eine ansehnliche Stadt emporwachsen, und daß sich zwei Jahrtausende nach seinem Tode auf dem vornehmsten Platze dieser Stadt sein Denkmal erheben würde!
Junge Herzen
Erzählung von «Lhristovher Boeck (Fortsetzung)
l9- Die Sonne der Gnade agende Regenschauer und blendende Sonne, ersterbende Farben und schwellende Früchte — es ist Herbst!
Wie blaue Trauben bedecken die Schlehenbeeren die dornigen Zweige, fuukelude Hagebutten leuchten vom Waldesrand, uud grannt- rote Brombeeren hängen an den gebognen Rauken. Braune Krammetsvögel schaukeln zwischen schimmernden Vogelbeeren, die um die Wette mit dem wilden Wein erröten. Mahagonibraune Kastanien guckeu aus den stachligen Früchten hervor, die mit einem dumpfen Aufschlage von den Bäumen fallen, und sonnenverbrannte Nüsse springen aus deu saftigen Hülsen. Bucheckern und Eicheln bedecken den Waldboden.
Die Nebel liegen lange am Mvrgen, aber wenn sie schwinden, scheint die Sonne auf nasse, schimmernde Haine und Gärten, und die Spinnengewebe sind perlengestickt.
Warm, warm ist die Sonne, die im Herbst auf die roten Wälder, die gelben Felder, die reichen Fruchtgcirteu uud die klaren blitzenden Wasser herabbrennt.
Und blendend war der Sonnenschein, der den Spätsommer der Familie Lön- berg erwärmte. Eines Tags schien die Gnadensonne auf die Apotheke herab und verwandelte den Apotheker in einen Kanzleirat und seine Frau in eine Kanzleirätin.
Großmutter sagte: Wenn Jette das nur vertragen kann!
Aber das konnte sie nicht.
Visiten strömten herbei. Der Stöpsel war keinen Augenblick in der Sherry- flasche. Sogar die gräfliche Familie kam, um zu gratulieren. Man meinte allgemein, daß der Graf die Hand dabei im Spiele gehabt habe.
Die Kanzleirätin hatte die größte Mühe, ihre Leute daran zu gewöhnen, sie und den Gatten richtig zu titulieren, und Stiue weinte blutige Tränen.
Verschiedne von den Bauern Wallfahrteten zur Apotheke. Sie hatten vielleicht erwartet, den Apotheker in goldschimmernder Uniform mit Dreimaster und Degen zu sehen. Jedenfalls waren sie sehr enttäuscht, als sie ihn wie gewöhnlich in seiner befleckten Leinwandjacke, die Mütze auf dem Kopfe, umhertrippeln sahen.
Jni Glänze dieses indianischen Sommers wurde Desideria konfirmiert. Das heißt, sie bekam ein langes weißes Kleid an, einen großen Blumenstrauß in die Hand und ein Gesangbuch in Sammeteinband mit Goldschnitt und einem goldnen Kreuz auf dem Deckel. Und so ausgerüstet wurde sie zwischen den Mädchen in der Kirche obenangesetzt, obwohl die meisten von ihnen in ihren selbstgemachten Kleidern sicher hoch über ihr standen.
Helene hatte am Morgen des Konfirmationstags ein kleines Malheur gehabt. Beim Tee titulierte Stine Frau Lönberg versehentlich Frau Kammerrcitin. Als sich das wiederholte, sagte die also gekränkte halblaut: Kauzlei —