Konstantinopolitanische Reiseerlebnisse
von Friedrich Seiler
1.. Die Reise nach Aoiistantinopel
n den Häfen der Levante gleicht jedes Anbvrdgehen und Vonbord- gehen einer wahren Völkerschlacht. Das erfuhr unsre kleine archäologische Gesellschaft, als wir an einem Morgen des Mais früh von dem Hafen der Dardanellenstadt aus über die graublaue Flut dem mächtigen russischen Dampfer „Zar" zufuhren, der draußen auf der Reede Halt gemacht hatte, um nach Erfüllung der gesetzlich vor- geschriebnen Formalitäten seine Reise nach Konstantinopel fortzusetzen. Vor uns fuhr ein Boot mit der Regierungskommission, die das Schiff zu untersuchen und dann die Erlaubnis zum Verkehr mit dem Lande zu erteilen hatte. Langsam und gravitätisch stiegen diese drei Herren in langen Gewändern und mit hohen roten Fessen die Schiffstreppe hinauf und wurdeu oben von dem weißbemützten russischen Seeoffizier empfangen. Etwa fünfzehn Boote, leere und volle, lauerten während der Besichtigung, leise auf und ab schaukelnd, in möglichster Nähe der Treppe. Plötzlich erschienen auf der Treppe Menschen mit Gepäck und Lasten, die „Pratika" war also erteilt worden, und nun war kein Halten mehr. Anstatt rnhig zn warten, bis die Aussteigeudeu das Schiff verlassen hatten, drängten sich die unten liegenden Boote gegenseitig stoßend vorwärts, und die Lastträger enterten hinauf, noch ehe die von oben Kommenden herunter waren. Darum gab es einen fürchterlichen Zusammenstoß und auf dem schmalen Raum ein wildes Pressen nnd Schieben, wobei mir nur wunderbar war, daß kein Mensch und nur ein einziges Gepäckstück, ein Sack, der nicht zu uns gehörte, ins Wasser stürzte.
Der russische Offizier wetterte mit energischen Flüchen von oben herunter in die schreiende Bande hinein, ohne jedoch etwas auszurichten. Solange bis diese orientalischen Kerle miteinander fertig wurdeu, konnten wir unmöglich warten; wir ergriffen unser leichtes Gepäck — das schwere wurde von den Leuten unsers Oberbootsführers Diamandis hinausgeschafft — und riskierten es, einer nach dem andern, die steile höllische Treppe zu betreten, wo die Ohren durch das Gebrüll, die Leiber durch das Gequetsch und die Nasen durch den Proletarierbrodem, noch dazu orientalischen, gleichmäßig malträtiert wurden. Auf dem Gymuasium, das ich besucht hatte, war in den Zwischenpausen ein beliebter Sport gewesen, die Insassen einer Bank gegen die Wand zusammenznquetschen, bis sie quietschten. Wir nannten das „Preßwurst." Eine solche Preßwurst hatte ich anch hier zu überstehn, während ich mich allmählich die Treppe hinauf arbeitete. Oben konnte man dann endlich frei aufatmen, mußte aber sofort auf die Jagd nach dem Koffer gehn, der bei dem wirren Durcheinander leicht abhanden kommen konnte. Allmählich verschwanden dann die „Hamals" (Gepäckträger) und bestiegen wieder ihre Boote, nnr Diamandis raste wie ein Wahnsinniger in der sich auf Deck dräugenden Menge hernm, schreiend, er habe einen „Quartaki" (fünf Piaster — 90 Pfennige) zu wenig erhalten. Einer von uns habe ihn nicht bezahlt. Ob das Schwindel war, ist nie ermittelt worden. Der Offizier wies ihn energisch von Bord, und der „Zar" setzte sich in Bewegung.
Wir hatten aus Sparsamkeitsrücksichten größtenteils zweite Kajüte genommen und stiegen nun in diesen von Schlafkabinen umgebnen, nur schwach durch ein trübes Oberlicht erhellten Raum hinunter, um uns nach den soeben durchgemachten