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Von alten Büchern
Gin Aritiker aus dem achtzehnten Jahrhundert von B. Wülcker
ritiker und Dichter haben sich in den letzten zwei Jahren gründlich gegeneinander ausgesprochen. Hin und her wogte die Flut von Artikeln, von Schriften und Gegenschriften über die Verseuchung, die Verrohung, die Gehässigkeit und die Zerstörungswut der Kritik, über ihre Souveränität, ihre ehrlichen, vom literarischen Völkerrecht anerkannten Waffen. Und auf dem Kriegspfad der Streitenden sproßten zarte Redeblumen, als da sind: „kriechendes lüsterzüngiges Gelichter, feuchtfingrige Wegweiser zum Übermenschen, wüste Neuntöter, Klein- geziefer, Stechsliegengeschlecht, auf Kahlfraß hinarbeitende Schädlinge."
Außer solchen mit Vorliebe der Insekten- und Vogelwelt entnommnen Ehrentiteln und einigen neuen Wortbildungen wie „Ortsmilieu, ohrfeigenhaft, Schimpfkunst, Schimpfbold" ist nicht viel Neues bei dem Streit herausgekommen. Von jeher haben sich die Kritiker das Recht zugesprochen, ihren Ton nach Befinden zu wählen, und ebensolange haben sich die Dichter in Scherz und Ernst gegen die Urteile der ungebetnen Nichter aufgelehnt. Leser oder Kritiker? fragt Voß, und er antwortet:
Mein Lied gefällt, was Meister Feil auch spreche. Für Gäste kocht' ich zu, was kümmern mich die Köche!
Goethe sagt kurz und bündig:
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent —
und in Mörikes „Abschied" wird der Rezensent, der Abends „un an geklopft" eintritt und des Dichters Nase kritisch beleuchtet, frohen Sinns die Treppe hinunter geworfen. Da war doch der Pastor Lange in Laublingen seinerzeit glimpflicher gegen den Kritiker, der seine Oden getadelt hatte; er wollte ihm für seine kindische Arbeit, äußerste Schwäche und Ignoranz, niederträchtige Gesinnung, Mangel an Belesenheit und an Liebe zur Wahrheit nur einige sanfte warnende Schläge auf die Finger geben. Der Kritiker hieß G. E. Lessing.
Man hat gesagt, daß die Kritik unsrer Zeit verroht sei. Wenn man freilich jedem, der zur billigen Verköstigung der Abonnenten einen harmlosen Dilettanten in die Pfanne haut und ein Bändchen Verse zu pikantem Salat zerpflückt, jedem, der seine persönlichen Gegnerschaften in die Spalten der Zeitschriften hineinträgt, die Ehre antun will, ihn zu den Vertretern der Kritik zu rechnen, dann mag man die Kritik wohl verroht nennen.