232
Maßgebliches »nd Unmaßgebliches
Geräusch von Stimmen, von .Aufschlügen, die sich näherten. Schnell und erschrocken führte Julie die Hand an den Schleier.
Jetzt, flüsterte er hastig und aufgeregt, indem er sich vorbeugte, jetzt kann ich ja unmöglich all das sagen, was ich zu sagen habe. Aber von nun an sind wir ehrlich gegeneinander, nicht wahr, Jnlie?
Julie hörte die Pferde unten am Hügel — Stimmen — Lachen — das Knacken von Zweigen ... sie wagte Erik nicht mehr anzusehen und zog nur nervös den Schleier vor das Gesicht.
Aber danke du deinem Schöpfer, mein Lieb — sie fuhr zusammen, als sie „mein Lieb" hörte, und wurde blutrot vor Scham und Freude —, danke du Gott, daß ich so zeitig und nicht ein Jahr später heimgekommen bin.
Julie setzte sich fester im Sattel zurecht; sie wollte nicht antworten, wagte es auch nicht. Sie dachte, wenn sie nur erst die nächsten Minuten hinter sich hätte! . . . Jetzt sah sie deutlich Arvids große rote Crispimütze über dem Niederwald auf dem Hügel. Nein, sie konnte ihm nie wieder in die Augen sehen — ach! wenn es nur schon überstanden wäre! Plötzlich, ungeduldig diesem unerträglichen Augenblick ein Ende zu machen, trieb sie unaufgefordert ihr Pferd zu rascherm Lauf an; Erik folgte dicht hinter ihr. Nun hob Arvid die Mütze, während die jungen Mädchen riefen und winkten.
(Fortsetzung folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Reichsspiegel. In dem trefflichen alten „Berlinischen Lesebuch für die höheren Schulen," aus dem ich vor mehr als einem halben Jahrhundert — jnst viernndfünfzig Jahre sind es her — die ersten tiefern Eindrücke für mein junges Gemüt geschöpft habe — namentlich der schlefische Schulmeister und Organist ist mir unvergeßlich, der im Siebenjährigen Kriege aus dem Schallloche des Kirchturms spähend von einem schwarzen Husaren überrascht wird, dem er dann auf der Orgel die Melodie „Wie schön lencht't uns der Morgenstern" vorspielen muß —, also in diesem Lesebuche fcmd sich auch eine Glosse des Inhalts: „Schlag halb nenn — kriecht Hans Sachs in diese Flasche rein." An diese Ankündigung gemahnt es mich allemal, wenn von unsern Zeitungen eine „Krisis" angesagt wird, ungefähr wie die Plakate in kleinen Städten anzukündigen Pflegen: Der Zirkus kommt!
Eine solche Ansage hat die Vossische Zeitung dem Berliner Philister jüngst znm Morgenkaffee serviert, uud da zwischen der Vossischen und der Wiener Neuen Freien Presse neuerdings intime landsmannschaftliche Beziehungen bestehn, so fand ich in Mercm, wo ich das genannte Wiener Blatt auf Nachrichten aus der deutschen Heimat durchstöberte, einen langen telegraphische,: Auszug dieser Krisisansage als einziges bemerkenswertes Geschehnis aus „dem Reich." Armes Deutschland, dachte ich, hier so viel blauer Himmel und dort so viel blauer Dunst! Meiu Tischgegenüber, eii? echter lustiger kölnischer Jnnggesell, der mir versichert, zuhause nur Moselwein zu trinken, Rheinwein nnr, wenn er Wasser trinken soll, hat heute Mittag zwischen dem dritten und dem vierten Gang erklärt, daß die Deutschösterreicher, zumal die Deutschtiroler, viel bismarckwütiger seien „als wir Deutschen alle zusammen." Da fiel mir die Neue Freie Presse mit ihrem Vossischen Telegramm ein, und ich fand es begreiflich, daß bei solchen Nachrichten den Deutschösterreichern das heutige Deutschland außerordentlich dürftig, geistig und politisch dürftig, erscheinen muß.
Was ist denn mm eigentlich laut der Vossischen Zeitung bei nns „so kritisch" ?