310
Deutschtum und Staatsverfassung in Österreich
obendrein völlig nnzutreffende Schilderung des Prinzen Ludwig von Bayern als eines Hortes des Klerikalismus nnd des Patritularismus im wesentlichen doch auch nur der Ausdruck einer Furcht, die man weder zeigen noch haben sollte, _ L?. I
Deutschtum und staatsverfassung in Osterreich
von Julius Patzelt in Wien
> uch große geschichtliche Erinnerungstage verlieren ihre Bedeutung, Mit wie gläubiger Achtung sprachen noch unsre Väter das Wort „Konstitution" ans, wenn der 13. März, der Tag der Wiener
> Märzrevolution, die Erinnerung an jene stürmische Zeit in ihnen I wieder weckte. Wer erinnert sich heute noch in Wien am 13. März,
daß man in Wien vor so und soviel Jahren in einem Meer von Wonne schwamm? Einige hundert Sozialdemokraten wandern, mit roten Nelken und Bändern geschmückt, noch alljährlich zu dem Grabe der Märzgefallnen, aber diese Aufzüge sind theatralisch geworden, sie ermangeln der Wärme der Empfindung, in der Seele der Massen klingt nichts mehr mit, wenn ein strebsamer Advokat von den Wonnen des „tollen" Jahres spricht. Hätte im Jahre 1848 wirklich eine Entwicklung begonnen, die aus dem alten Österreich ein neues gemacht hätte, dann würde die Erinnerung an den 13. März auch heute noch in den Herzen Aller lebendig sein; aber er „machte nicht Epoche," nnd darnm vergißt man seiner. Die Hoffnungen, in denen Wien und ganz Österreich damals schwelgten, reiften nicht, und wer heute noch des 13. Märzes gedenkt, der tut es nicht ohne die bittere Empfindung, daß zur irdischen Glückseligkeit doch noch etwas mehr gehört als eine „Konstitution."
Auch in sonst orthodox-liberalen Kreisen dämmert diese Erkenntnis jetzt auf. In einem entschieden liberalen Wiener Blatte veröffentlichte am letzten 13. März Professor Dr. Ottokar Weber eine Studie über Metternich, nicht hervorragend durch eiue mit historischen Einzelheiten beschwerte Gelehrsamkeit, sondern durch die feine Empfindung, daß der Sturz Mctternichs keine Probleme gelöst, sondern den Völkern und den Staatsmännern Österreichs ein neues Rätsel aufgegeben hat. Professor Weber wird Metternich gerecht, wenn er aus seinem landläufigen Bilde die entstellenden Züge entfernt, die eine Demokratie des Hasses ihm aufgeprägt hatte, er wird dem Geiste der Zeit gerecht, wenn er davon spricht, daß sich Metternich und sein „System" überlebt hatten und an die Stelle eines tatenlosen, sich müde dahinschleppenden und nur in die Vergangenheit sehenden Absolutismus etwas andres treten mußte. Aber was? Die Frage ist bis heute nicht gelöst worden, und wenn man sich fragt, warnm, dann gibt der Schluß der Studie Professor Webers Auskunft mit seinem schneidenden Mißklcmge zwischen historischer Erkenntnis, demokratischer Glaubenslehre und richtigem deutschen nationalen Empfinden: „Der Rückschauende wird die Zeit des alten Österreichs nicht ganz verwerfen dürfen, er wird aber auch den großen Tag des 13. März 1848 als Geburtstag des neuen Österreich feiern