^ MW
Line Trojafahrt
Reiseerinnerungen von Friedrich Seiler (Fortsetzung)
2. Das Leben in Troja
o waren wir denn auf der Burghöhe von Hissarlik zunächst nur zu sechs. Dörpfeld machte die Houneurs des Orts, lud uns ein, au einem Tische im Freien Platz zu nehmen, und regalierte uns zur Belohnung für unsre Neitenergie und zum Schutz gegen Erkältung mit Mastixschnaps. Die Ruhe nach dem stürmischen Ritt, das Bewußtsein, nach schwerer Arbeit glücklich ans Ziel gekommen zu sein, verursachte uns ein unsägliches Gefühl des Wohlbehagens. Dazu kam der Zauber des Ortes, heroische und idyllische Elemente gemischt. Schone hohe Eichen wölbten sich über dem grünen Rasen, und unter den Baumkronen sank der rötliche Sonnenball dem Meere zu. Vor ihm auf dem Wasser schwammen die Inseln Tenedos und Jmbros und in weiter Ferne das große Lemnos. Jetzt zitterte der letzte rosige Streif über die leichtbewegte Flut, das Abenddunkel brach rasch herein, und von Europa herüber blinkten die Leuchtfeuer, die auf deu Türmen an der Spitze des Chersonnesos brennen.
Allmählich kam dann auch einer nach dem andern von unsrer Gesellschaft angezottelt, teils auf dem Pferde, teils daneben oder ohne Pferd.
Dörpfeld hatte eine Griechin, die den gastfreundlicheu Namen Polyxena führte, samt ihrem zwanzigjährigen Sohne Georgios schon einige Tage vor unsrer Ankunft nach Hissarlik gesandt, um für unsre Verpflegung und Unterkunft zu sorgen. Auf dem Plateau am Burghügel stehen noch unter den Eichen die schwarzgestrichnen Baracten Schliemanns. Das Hauptgebäude enthält Küche, Vorratsraum und „Salon," die drei oder vier andern sind in je zwei Räume geteilte Schlafbarackeu. Eine von diesen wurde den Damen überlassen; die beiden Deutscheu, Frau und Fräulein, nahmen die kleinere, die drei Amerikanerinnen die größere Stube. Polyxena hatte die nötigen Kiffen und Decken aus dem nahen Tscherkessendorfe Tschiblak gemietet, wir durften also bei ihrer Benutzung nicht allzu feinfühlig oder kritisch sein, uns auch nicht ausmalen, was für Kleider- und WäschelnMpen noch kürzlich darauf gelegen hatten.
Als Speisesaal diente für die Mehrzahl der Herren der freie Platz vor der Hauptbaracke, wo ein großer Tisch und lange Bänke in einer Art Laube standen. Die Damen und einige der Herren speisten im „Salon," einem einfenstrigen Holzgelaß, das fast ganz von einem Tische und den Schemeln eingenommen war. Hier präsidierte Dörpfeld auf dem von Schliemann selbstgefertigten Thronos, einem etwas unbequemen, aber sehr soliden Sessel mit fester Arm- und Rückenlehne. Wir waren sehr hungrig und taten Polyxenas Kochkunst alle Ehre an, obwohl das Menu einförmig genug war. Als Vorspeise gab es jedesmal Eier, dann kam als Hauptgericht Ärnaki ld. i. Schaffleisch), und zwar offenbar von Tieren aus den Ställen des Königs Prianius, so zäh war ihr Fleisch, dazu Kartoffeln oder Brot, dann Ziegenkäse, Apfelsinen, der geschätzteste Teil des Mahles, deren es nie genug geben konnte, und zuletzt noch eine Tasse anscheinend aus Heu bereiteten Tees. Eine angenehme Enttäuschung gewährte uns der von Georgios besorgte Wein. Es war ein schweres, leicht gesüßtes, dunkelrotes Getränk aus Erenköi und mundete so