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Johann Friedrich Reichardt
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Der Grundgedanke der musikalischen Bestrebungen Reichardts ist auf die innige Verschmelzung von Wort und Ton gerichtet. Für die absolute Instru­mentalmusik hat er nur wenig Sinn. Darum ist er ein so hoher Verehrer der Werke Glucks, dessen ernste, antik einfache Weisen nichts sein wollen als ein eng anschließendes Gewand der Dichtung. So ist ihm das ideale Ziel der deutschen Tonkunst, den großartigen Fortschritten der deutschen Poesie zu folgen und in Volkstümlichkeit, Empfindungsgehcilt uud einfacher Größe mit den klassischen Gedichten zu wetteisern. Darum schöpft er, von Herder und Goethe geleitet, aus dem Borne der Volkspoesie und legt den Liederspielen Goethes ein musikalisches Gewand an. So, hofft er, wird er der deutschen Musik, die in hohem Stile bisher nur mit der italienischen Sprache ver­bunden war, den nationalen Charakter wiedergewinnen. Denn Reichardt hatte ein hohes Gefühl von nationaler Würde. Einst hatte er dem alten Fritz auf seinen Vorschlag, seinen Namen in Nieciardetto oder Ricciardini umzu­taufen, geantwortet, er sei zu stolz darauf, ein Deutscher und Friedrichs Untertan zu sein, als daß er seinen Namen italienisieren möchte. Jetzt schrieb er in seinem Kunstmagazin: Wer da behauptet, daß die deutsche Sprache zur musikalischen Behandlung unfähig sei, spricht seine eigne Schande aus.

So offenbart Reichardt im Kunstmagazin seinen idealen, vorwärts stre­benden und auf das Natiouale gerichteten Kunstsinn.

(Schluß folgt)

Erinnerungen

von v. vi'. Robert Bosse

Wir bringen hier die Fortsetzung der Erinnerungen des Staatsministers Bosse. Leider hat der Tod dem Verfasser die Feder aus der Hand genommen, als er mit der Darstellung der Studentenzeit und der Anfänge seiner amtlichen Laufbahn beschäftigt war; nur einige Bruch­stücke davon sind druckfertig in seinem Nachlasse vorgefunden und teilweise unter dem TitelIm Mai des Lebens" in dem JahrbuchAus Höhen und Tiefen" veröffentlicht worden. Was hier vorgelegt wird, das beginnt erst in einer viel spätern Zeit, nämlich mit den: Jahre 1376. Zur Orientierung sei folgendes bemerkt: Bosse wurde 1861 zum Kammerdirektor des Grafen Stolberg- Roßla berufen, 1868 zum Amtshauptmann in Uchte, 1870 zum Konsistorialrat, 1872 zum Regierungs- und Oberpräsidialrat in Hannover befördert. Mit der Übersiedlung von dort nach Berlin 1876 fängt die folgende Erzählung an, die dann ohne Unterbrechung bis zum Jahre 1892 fortgeführt wird.

Von Hannover nach Berlin (1.876)

eit dem August des Jahres 1870 waren wir in Hannover gewesen. Ich hatte dort verhältnismäßig schnell Wurzel geschlagen. Die amt­lichen Verhältnisse waren vollkommen befriedigend; mit den Hanno­veranern kam ich vortrefflich aus. Meiner Herkunft nach selbst nieder­sächsischen Stammes, liebte ich die Art der Bevölkerung. Der Grundzug meiner Stimmung in Hannover war dankbare Freude darüber, daß es mir so gut ging. Jedenfalls dachte ich nicht entfernt daran, eine Änderung meiner amtlichen Verhältnisse zu erwarten oder herbeizuwünschen. Am allerwenigsten dachte ich an Beförderung. Ich hatte in dieser Beziehung weder Ansprüche, noch Wünsche, noch Hoffnungen. Ich war ohne jeden Benmtenehrgeiz. Ich entsinne