Konsessionalismus und nationale Politik
>ie zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts wird durch den großen Rückfall zum Konfessionalismus bezeichnet. Er begann, als der flache Nationalismus des achtzehnten Jahrhunderts die Religion ausgehöhlt, sie in eine Gruppe von sogenannten Vernunftwcchr- I heiteu verwandelt und somit ihr Wesen zerstört hatte, und als sich die ästhetisch-humane Weltanschauung unsrer klassischen Literaturperiode, die in Goethes pantheistischem Optimismus gipfelte, in dem großen Zusammenbruche unsrer deutschen Staatenwelt als unzureichend erwiesen hatte. Das alte Sprichwort: „Not lehrt beten" kam wieder zu seinem Rechte; ohne religiöse Einkehr und Umkehr hätte damals das preußische und mit ihm das deutsche Volk die Rettung nicht gefunden. Der politische Kampf gegen die Ideen der französischen Revolution, der in der Heiligen Allianz seinen bezeichnenden Ausdruck fand, förderte diesen Umschwung, denn jene Ideen waren ja aus dem Rationalismus der Aufklärungszeit hervorgegangen. Das Pendel der religiösen Bewegung, das bis dahin nach links geschwungen hatte, schlug mehr und mehr nach rechts hinüber, und diese Richtung dauert, wenngleich nicht ohne Hemmungen, noch heute an. Sie machte sich aber, wie natürlich, auf protestantischer Seite weniger konsequent geltend als auf katholischer. Denn da dem Protestantismus eine Glaubenscmtoritüt fehlt und fehlen muß — die Bekenntnisse sind nur Zeugnisse des Glaubens, aber nicht bindende Normen —, so wurde die Freiheit des Gewissens und der Wissenschaft hier niemals angetastet. Gleichwohl beherrschte die lutherische Orthodoxie eine Zeit lang die deutschen Landeskirchen, namentlich die preußische, und die politische Reaktion nach der Bewegung von 1848/49 sah in ihr eine Stütze für „Thron und Altar." Konsequenter vollzog sich der Rückfall zum Konfessivnalismus auf katholischer Seite. Seitdem die Säkularisationen der Napoleonischen Zeit in Frankreich wie in Deutschland die bisherige enge Verbindung des Klerus mit dem Grund und Boden des Landes gelöst hatten, kam der Ultramontanismus, d. h. die mittelalterliche Idee von der absoluten geistlichen Weltherrschaft des Papsttums, mehr und mehr obenauf, dessen wichtigster Trüger der 1814 wiederhergestellte Jesuitenorden wurde. Immer straffer wurde die Unterordnung des Klerus unter die Bischöfe, die der Bischöfe unter Rom, bis die Proklamation der päpstlichen Unfehlbarkeit in Grenzboten II 1904 1